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Adäquatio rei et intellectus

Physik

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Grundidee


Als Adäquatio rei et intellectus [1] oder auch als Adäquationstheorie [2] bezeichnet man in der westeuropäischen Philosophie des Mittelalters die Übereinstimmung der äußeren Wirklichkeit (rei) mit den Inhalten unseres Denkens (intellectus). [2] Die scholastischen Denker vertrauten auf diese Übereinstimmung indem sie den Menschen für fähig hielten, an der göttlichen Vernunft teilzunehmen. Unklar bleibt aber, was genau Übereinstimmung und Wirklichkeit überhaupt heißen sollen. [3] Spätere Philosophen, etwa Immanuel Kant äußerten jedoch begründete Zweifel. Und spätestens die Befunde der Quantenphysik zwangen und zwingen Denker zu einer Neubewertung.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
War so eine Beobachtung des abendlichen Himmels vielleicht einer der Momente in denen mittelalterliche Denker wie Albertus Magnus darüber nachdachten, wie die Inhalte ihres Denkens mit den Gebilden der Wirklichkeit zusammenhängen könnten? © Gunter Heim/ChatGPT ☛


In der Religion


Als Scholastik bezeichnet man die mittelalterliche, christlich geprägte Philosophie Westeuropas. Die scholastischen Denker bemühten sich, den christlichen Glauben mit einer rationalen Philosophie, etwa im Sinne eines Aristoteles, widerspruchsfrei zu verbinden. Zwei große Verdienste der Scholastik ist erstens die klare Zuspitzung von Problemen und Aussagen sowie zweitens der Versuch ein befriedigendes ganzheitliches Weltbild zu erschaffen, in dem der Mensch einen guten Platz finden kann.


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Albertus Magnus


ZITAT:

Albertus Magnus (1193 bis 1260): "Wahrheit ist auf den ersten Blick ein Prototyp und ein Vorbild für alles, ein und jedes Individuum im All, denn alles ist unverfälscht und unverfälscht." [1]



ZITAT:

Thomas von Aquin (1225 bis 1274): "Die Wahrheit des Verstandes besteht in der Übereinstimmung des Verstandes mit der Sache, insofern der Verstand aussagt, dass etwas ist, was ist, oder dass etwas nicht ist, was nicht ist." Und: "In den Dingen selbst gibt es weder Wahrheit noch Falschheit, außer insofern sie auf einen Verstand bezogen sind." [1]



ZITAT:

Thomas von Aquin: "Die Wahrheit hat ihr Fundament in der Sache (in der Wirklichkeit)" [1]



ZITAT:

Durand von St. Prucain (~1270 bis ~1334): Wahrheit ist "die Übereinstimmung des Verstandes mit dem erkannten Gegenstand." [1]



ZITAT:

Francisco Suárez (1548–1617): "Transzendentale Wahrheit bezeichnet das Sein einer Sache, wobei sie die Erkenntnis oder das Konzept des Verstandes bezeichnet, dem diese Entität entspricht oder in dem die Sache dargestellt wird." [1]


Zweifel
Die mittelalterlichen Denker vertrauten darauf, dass der Mensch durch eine Teilhabe an der göttlichen Vernunft die Wahrheit erkennen können. Doch spätestens im späten 13. Jahrhundert taten sich schwer losbäre Probleme mit der Harmonie von Theologie und Philosophie auf. Im Jahr 1270 listete der Pariser Bischof Etienne Tempier 13 Aussagen, die zu einem Ausschluss aus der Kirche, einer Exkommunikation führen sollten. Seinen Gegnern war Tempier ein Denken mit doppelten Wahrheiten vor. [4] Die zweite Aussage aus dieser Liste war die Behauptung, dass ein Mensch etwas verstehe. Es muss also in der Kirche wichtige Personen gegeben haben, die die Fähigkeit des Menschen Wahrheit zu erkennen, ernsthaft angezweifelt haben.

Im Jahr 1641 frug sich der Mathematiker und Philosoph Rene Descartes, ob er denn wirklich darauf vertrauen dürfe, dass ein wohlwollender Gott den Menschen über die Gabe der Vernunft an der Wahrheit teilhaben lässt. Descartes geht in einem berühmten Gedankenexperiment von einem bösartigen Gott, eine Genius malignus aus:


ZITAT:

Rene Descartes, 1641: "Ich werde also annehmen, dass es nicht einen wahren Gott gibt, der die oberste Quelle der Wahrheit ist, sondern einen gewissen bösen Genie [bösen Geist], nicht weniger listig und täuschend als mächtig, der seine ganze Kunst darauf verwendet hat, mich zu täuschen." [7]


Tatsächlich blieb Descartes nicht bei seinem Genius malignus. Er nahm letztendlich einen wohlwollenden Gott an. Und dieser sei dann, wie schon im mittelalterlichen Denken, die Gewähr für die Übereinstimmung menschlichen Denkens mit der Wahrheit:


ZITAT:

Rene Descartes : "nachdem ich all das, was ich wirklich weiß, oder wenigstens wovon ich bis jetzt bemerkt habe, dass ich es weiß, überdacht habe … und da ich sehe, dass ich zweifle … begegnet mir so eine klar und deutlich wahrgenommene Idee eines unabhängigen und vollendeten Wesens, das heißt Gottes; und allein daraus, dass eine solche Idee in mir ist … folgere ich so deutlich, dass Gott wirklich existiert und dass meine ganze Existenz in jedem Augenblick von ihm abhängt, dass ich vertrauen kann, dass nichts klarer und gewisser vom menschlichen Verstand erkannt werden kann." [8]



ZITAT:

Rene Descarte: "Zuerst erkenne ich, dass es nicht möglich ist, dass er (Gott) mich jemals täuscht … und obwohl es möglich scheint, dass jemand täuschen könnte … fällt es also nicht auf Gott." [9]



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Immanuel Kant

Im Jahr 1794 forderte der preußische Minister Wöllner den schon damals hochgeherten Philosophen Immanuel Kant (1724 bis 1804) auf, sich nicht mehr zu religiösen Themen zu äußern. Kant hatte in seinen Werken die Reichweite menschlicher Vernunft untersucht. So sei es dem Menschen unmöglich, das "Ding an sich" zu erkennen, also einen Gegenstand der Wirklichkeit so zu sehen, wie er ist. Menschen könnten zwar nicht ohne Kausalität, Räumlichkeit und Zeitlichkeit denken, aber ob diese Eigenschaften auch auf die Wirklichkeit zutreffen, ließ Kant offen.


ZITAT:

Immanuel Kant: "Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestünde, oder den Dingen als objective Bestimmung anhänge, mithin übrig bliebe, wenn man von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahirte; … Diese letztere findet dagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die subjective Bedingung ist, unter der alle Anschauungen in uns stattfinden können." [13]


Mit etwas Phantasie kann man sich vorstellen, wie der Philosoph von den althergebrachten theologischen Vorstellung abwich. Und so wie der individuellen Vernunft des Menschen Grenzen gesetzt seien, so sei auch der Religion eine Grenze gesetzt, nämlich durch die Vernunft selbst. Diese Provokation sprach Kant deutlich in einem Buchtitel aus: Religion innerhalb der Gränzen der bloßen Vernunft (1793). Die Kernaussage des Buches ist, dass die Religion letztendlich nur eine moralische Selbstgesetzgebung der Vernunft ist. Und die biblische Offenbarung gilt nur, sofern sie moralisch vernünftig ist. Kant drehte das Denken damit um: nicht Gott ist die Quelle der Vernunft sondern die Vernunft ist - spitz formuliert - die Quelle von Gott.

Die vermeintliche Unvereinbarkeit von Glaube und Philosophie schwelte so bedrohlich über die Jahrhunderte weiter, dass Papst Leo XIII im Jahr 1879 ein Machtwort sprach. In seiner Begründung griff er auf das Denkbild der Adäquatio rei et intellectus zurück:

Sehr wirkmächtige Zweifel an der Reichweite menschlicher Vernunft stellte der Philosoph Immanuel Kant (1724 bis 1804) in die Welt. Sein Denken trug ihm sogar die Androhung der Zensur durch den preußischen Staat ein. s


ZITAT:

Leo XIII, 1879: "nicht umsonst hat Gott das Licht der Vernunft dem menschlichen Geiste eingepflanzt; und weit entfernt, daß das hinzugekommene Licht des Glaubens die Kraft der Vernunft vernichte oder mindere, vervollkommnet es diese vielmehr und macht sie stärker und zu Höherem fähig." [5]


Leo schränkt aber die Reichweite menschlicher Vernufnt ein. Es gibt auch Wahrheiten, die der Mensch nicht durch Vernunft oder Verstand sondern nur durch die Offenbarung erfassen kann:


ZITAT:

Leo XIII, 1879: "In der Tat hat der barmherzige Gott bezüglich dessen, was die göttlichen Dinge betrifft, nicht bloß jene Wahrheiten durch das Licht des Glaubens geoffenbart, welche der menschliche Verstand aus sich nicht zu erkennen vermag, sondern er hat auch solche kund gegeben, welche für die Vernunft nicht vollständig unbegreiflich sind, so daß sie nach Hinzutritt der göttlichen Autorität alsbald und ohne irgendwelche Beimischung von Irrtum von allen erkannt werden."


Die Offenbarung besteht im Wesentliche aus den Schriften, wie sie in den ersten Jahrhunderten nach Christus von der Kirche bewusst als Bibel zusammengestellt wurden. Siehe mehr zu dem Machtwort von Papst Leo XIII im Artikel über die 👉 Aeterni patris

Eine dem Geist einer Adäquatio rei et intellectus verwandte geistige Strömung des 19. Jahrhunderts war die natürliche Religion, auch natürliche Theologie genannt. So bezeichnete man die Position, dass der menschliche Geist in der Schöpfung, das heißt der Welt wie wir sie wahrnehmen können, Anzeichen von Gott erkennen kann. So wurde etwa die Perfektion der menschlichen Hand oder des menschlichen Auges als Beleg für einen intelligenten Schöpfergott angesehen. [6] Mehr zu den Spuren Gottes in der Schöpfung steht im Artikel über die 👉 natürliche Religion

In den Naturwissenschaften


Objektivieren
Was sagen die Naturwissenschaften zur adäquation rei et intellectus? Zunächst einmal darf man den theologischen Autoren eine gewisse Schludrigkeit in ihren Begriffen vorwerfen. Zu Recht bemängelt das Metzler Lexikon der Philosophie, dass die Texte unklar lassen, was mit einer Entsprechung oder Übereinstimmung (adäquatio) oder auch mit Wirklichkeit gemeint sein soll. [3] Und solange mit die Worte unscharf belässt sind sie wie Puzzleteile aus Knete: man kann sie so zurechtformen, dass sie sich zu beliebigen Bildern zusammenformen lassen. Ein Verdienst der Naturwissenschaften ist es, für wichtige Begriffe eine "Messanleitung" zu fordern. Wie könnte man zum Beispiel den Grad einer Übereinstimmung zwischen Intellekt und Wirklichkeit feststellen oder messen? Wie kann man die Begriffe objektiv handhabbar machen? Betrachten wir dazu ein Beispiel.

Beispiele


In der Geschichte der Physik gibt es eine Reihe "guter falscher" Theorien. Man kann mit ihnen hervorragend zukünftige Ereignisse vorhersagen. Aber die gedanklichen Bauteile dieser Theorien haben nicht in der Wirklichkeit, was ihnen entspricht. Betrachten wir zunächst einige klassische Beispiele aus der Geschichte der Physik, um ein Gefühl für das Problem der Adäquatio rei et intellectus in der Physik zu bekommen.

Geozentrismus


Über Jahrtausende folgten Astronomie und Theologie dem gesunden Menschenverstand: wenn man in den Himmel blickt, sieht man tagsüber deutlich, wie die Sonne über das Firmament. Und nachts sind es der Mond, die Planeten und die Sterne, die um uns herum wandern. Es ist ganz offensichtlich, dass wir mit unserer Erde in der Mitte einer Kreisbewegung sind.


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Geozentrisches Weltbild

Astronomen entwickelten äußer komplizierte Rechenmethoden, um mit diesem geozentrischen Weltbild den Lauf der Planeten über Jahr oder Jahrzehnte vorherzusagen. Und sie waren sehr erfolgreich damit. Pikant ist: das Weltbild ist falsch. Nicht die Erde sondern die Sonne steht im Mittelpunkt (mehr oder minder) der Planetenbewegungen.

MERKSATZ:

Das geozentrische Weltbild ist falsch, aber es funktioniert.

Zwar was das geozentrische Weltbild schwer handhabbar. Man musste etwa für die Planenten annehmen, dass sie sich auf ihrern Kreisbahn noch einmal um kleine Kreise, die sogenannten Epizyklen, bewegten. Aber mit diesem "falschen" Weltbild konnte man dennoch sehr zuverlässig vorhersagen, wann am Himmel wo ein Planet zu sehen sein würde. Passt hier das Intellektuelle (das Weltbild) auf die Wirklichkeit (die Sonne steht in der Mitte) oder eher nicht? Für eine gute Entsprechung spricht die Fähigkeit des Weltbildes Dinge vorherzusagen. Für eine schlechte Entsprechung spricht das falsche Bild vom Sonnensystem. Ich möchte hier nur das Problem deutlich machen, keine Lösung vorschlagen. Zum Hintergrund siehe auch 👉 geozentrisches Weltbild

Farbwahrnehmung


Betrachten wir noch ein Beispiel aus den Naturwissenschaften, speziell der Psychophysik beziehungsweise der Wahrnehmungspsychologie. Das Gefühl von Farben in unserem Bewusstsein hängt eng mit der Wellenlänge des Lichts zusammen, das auf das Auge trifft. Sichtbares Licht wird so gut wie immer nur dann von Gegenständen ausgesendet, wenn ein Elektron in der Hülle eines Atom seinen Zustand ändert.


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Farbwahrnehmung

Ein Atomkern zum Beispiel oder ein Proton, ein Neutron oder auch ein Alphateilchen können aber für sich kein Licht sichtbares Licht aussenden, unter anderem weil sie keine Elektronen haben. Heißt das dann auch, dass sie keine Farbe haben? Wie aber soll man sich einen völlig farblosen Gegenstand vorstellen? Die Objekte wären auch dann noch farblos, wenn man sie in (theoretisch) beliebiger großer Vergrößerung betrachtet. Wenn aber der menschliche Geist sich fest Dinge nicht ohne Farbe vorstellen kann, gleichzeitig aber möglicherweise solche Dinge doch existieren, ist dann die adäquatio rei et intellectus gestört? Siehe auch 👉 Farbwahrnehmung

Elektronenbahn


Jeder kennt die Bilder von Atomen, bei denen die Elektronen wie Planeten um den Kern als Sonne kreisen. Oft liegen die Kreisbahnen der Elektronen auf der Oberfläche einer Kugel. Diese Idee von Flugbahnen von Elektronen kam Ende des 19. Jahrhunderts auf. Doch dann kamen eine Reihe von Experimenten, die überhaupt nicht mehr zu Idee einer vernünftig anschaulich gedachten Bahn passen. Es scheint in der Wirklichkeit nicht wirklich etwas zu geben, das zudem rein intellektuell erschaffenen Denkbild von Bahnen von Elektronen passt. Siehe mehr dazu im Artikel zur 👉 Elektronenbahn

Zufall


Der Zufall, eng verwandt mit dem Wort Wahrscheinlichkeit, zieht sich durch viele Gesetze der Physik. So soll der Zeitpunkt, zu dem ein radioaktives Atom von sich aus spontan zerfällt, völlig zufällig sein. Es soll, so die Sicht einiger Physik, keinerlei inneren Zustand oder äußeren Anlass geben, der den Zerfall auslöst. Obwohl die Zerfälle von sehr vielen Atomen im Gros gut vorhersagbar sind, lässt sich ein einzelne Atom sozusagen nicht in die Karten schauen. Wann es spontan zerfällt scheint echt zufällig zu sein. Das hieße aber umgekehrt, dass es Ereignisse ohne jede Ursache gibt. Kann man sich so etwas in seinem intellekt überhaupt vorstellen? Ist es "denkbar", dass etwas ganz ohne Anlass geschieht? Siehe mehr unter 👉 Zufall

Quantenobjekte


Seine bis heute vielleicht schärfste Zuspitzung erfährt das Projekt eines vernünftmäßigen Weltverständnisses in der Vorstellung von den sogenannten Quantenobjekten. Da sollen Elektronen gleichzeitig an mehreren Orten sein können oder in der Zeit zurückwandern können (Richard Feynman). Licht soll gleichzeitig oder wahlweise eine im Raum sich rasend schnell ausbreitende Welle oder auch ein örtlich eng begrenztes Teilchen sein. Und manche dieser spukhaften submikroskopischen Objekte sollen ihre Eigenschaften erst dann erhalten, wenn an ihnen eine Beobachtung vorgenommen wird oder sie mit ausreichend viel Materie in Wechselwirkung stehen. Physiker wie Anton Zeilinger halten es für möglich, dass man Teilchen nicht immer Eigenschaften zuschreiben, kann, die dem gesunden Menschenverstand zufolge jedes Ding eigentlich haben müsste. [11] Siehe mehr unter 👉 Quantenobjekt

Modelldenken


Die modernen Naturwissenschaften liefern also sehr konkrete Beispiele, die die Entsprechung menschlichen Denkens zur Wirklichkeit auf eine schwere Probe stellen. Mit dem Konzept des physikalischen Modells ziehen die Naturwissenschaften ihren Kopf aber ein Bißchen heraus aus der Schlinge. Für ein Modell im Sinne der Naturwissenschaften fordert man nicht, dass es ein gutes Abbild der Wirklichkeit sei. Was man alleine fordert ist, dass es gute Vorhersagen über Beobachtungen erlaubt. Das "falsche" geozentrische Weltbild könnte demnach immer noch ein gutes Modell sein. Hauptsache ist, man kann mit ihm gute Vorhersagen machen (was tatsächlich ging). Ein Bißchen riecht das Modelldenken nach einer Frontverkürzung: man gibt den Kampf um das richtige Bild von einer Wirklichkeit (vorübergehend?) auf und verteidigt die Stellungen rund um die Vorhersagbarkeit der Weltabläufe. Siehe dazu mehr im Artikel über das 👉 Modell (Wissenschaft)

Korrespondenztheorie


Die Frage nach dem Zusammenhang von inneren geistigen Vorstellungen und der realen Außenwelt wird auch unter dem Stichwort der Korrespondenztheorie behandelt. [12] Der wesentliche Unterschied ist zur Formel der Adäquatio rei et intellectus ist die Rolle des Göttlichen. Mit der Wendung Aäquatio rei et intellectus spricht man die gesamte theologische Tradition des scholastischen Denkens und damit auch die vorangestellte Annahme eines göttlichen Wesen an. Dem Begriff der Korrespondenztheorie hingegen fehlt die mehr oder minder zwingend mitgedachte Annahme eines Gottes. Einfach gesagt: Adäquatio rei et intellectus minus Gott gleich 👉 Korrespondenztheorie

Positionen


In den 1920er Jahren spitzten sich eine Reihe krass widersprüchlicher Ergebnisse der Physik immer mehr zu. Einige waren schon altbekannte Vertraute, wie etwa der Dualismus von Wellen und Teilchen. Auch das Problem von kontinuierlich gedachten Bahnen war für Philosophen nicht neu. Doch in der Pionierzeit der Quantenphysik tauchten sie an allen möglichen und bis dato unmöglichen Stellen auf wie tote Fische in einem überhitzten Fluss.

Es entstanden mathematische Denkbilder, denen kaum etwas Reales in der echten Welt entsprechen kann. Wie soll man sich eine reale Existenz von Erwin Schrödingers Wellen als ein reales Etwas in einem zig-dimensionalen Raum vorstellen? Was an einem realen Photon hat die Frequenz f, mit der man man E=h·f seine Energie E mit Hilfe von Plancks Konstanter h berechnet? Ist die Frequenz, mit der ein Elektron im Atom um den Kern kreist, dieselbe Frequenz mit der man die Interferenzmuster von genau diesem Elektron ausgesandter Photonen berechnet? [15] Ist die Frequenz des Elektrons im Atom sein Bahnfrequenz oder die Frequenz einer stehenden Welle? Gibt es an den Elektronen außerhalb von Atomen etwas "Frequenzartiges"? Zittert das Elektron auf seinem Weg durch eine Nebelkammer in irgendeiner Weise? Hängt das Elektron mit einer realen Welle zusammen, die sich dann aber auch im Raum ausbreiten kann?

Die Physiker kamen zu keiner gemeinsam abgestimmten Position. Vielmehr rasteten sie in ihren Haltungen auf Denkschienen ein, die sich am Horizont überlieferter Geschichte in der griechischen Antike verlieren.


ZITAT:

Albert Einstein hält an der Adäquatio fest: "Das Ergebnis eines Denkens sollte nur dann anerkannt werden können, wenn es mit dem ersten logischen Satz, der die Kompatibilität von Welt und Denken behauptet, übereinstimmte." [14]



ZITAT:

Werner Heisenberg dreht den Spieß um: "Ist es vielleicht so, daß nur solche experimentellen Situationen in der Natur überhaupt vorkommen, die in dem mathematischen Formalismus der Quantentheorie überhaupt ausgedrückt werden können?" [15, Seite 19]



ZITAT:

Bohrs doppelte Wahrheit: "Bohr betrachtete die beiden Bilder, das Partikel- und das Wellenbild als zwei komplementäre Beschreibungen derselben Realität. Jede dieser Beschreibungen kann nur teilweise richtig sein." [15, Seite 20]


Und die Probleme sind heute keineswegs gelöst. Zwar gibt es eine mächtige Gruppe von Physikern, die die Fragen nach der Wirklichkeit hinter der Mathematik mit einem "Shut up and calculate" [17] mundtot machen wollen, aber andere Physiker bis ins 21 Jahrhundert hinein [17] legen den Finger immer wieder auf die offenen Wunden ungeklärter Fragen einer Entsprechung von rei et intellectus.

Verwandte Themen


Schildert ein Mensch Bilder von Blitzen, dunklen Wolken, Regenwänden und Wassermassen, wird jeder darin die Beschreibung eines Gewitters erkennen. Aber genauso gut würde man ein Gewitter erkennen, wenn jemand nur das die akustischen Effekte des prasselnden Regens und des rollenden Donners beschreibt. Auf eine ähnliche Weise ist die Idee einer Adäquatio rei et intellectus nur eine mögliche von vielen möglichen Umschreibungen, das tiefere Thema einer Verbindung von erlebenden und denkenden Subjekt in einer Welt um sie herum zu beschreiben. Hier möchte ich noch einige weitere Aspekte kurz erwähnen, die zu diesem größeren Komplex passen:

  • Die Dinge, über die wir sicher etwas wissen können 👉 Scibilia

Für eine Vertiefung der Frage nach der Adäquatio rei et intellectus würde ich den großen Komplex empfehlen, ob die Welt überhaupt so eingericht ist, dass wir sie verstehen können. Das dazu am besten passende Stichwort ist 👉 Intelligibilität

Persönliche Einschätzung


 Portrait von Gunter Heim Theologen und Naturwissenschaftler gemeinsam scheinen zunächst von einer für sich existierenden Wirklichkeit auszugehen, wahlweise mit oder ohne etwas Göttlichem. Die menschliche Vernunft hat in diesem Ansatz die Aufgabe, sich dieser Wirklichkeit anzunähern oder sieh zu erkennen. Platons Höhlengleichnis ist das klassische Beispiel für diese Denkhaltung. Interessant finde ich die Umkehrung der Gedankenfolge: könnte es sein, dass zunächst primär die Vernunft, der Geist, das rein Denkerische existiert? Und dass dann die Wirklichkeit sich dem Denkerischen annähert? Anders gesagt: es ist nicht die Aufgabe des Menschen, sich der Wirklichkeit anzupassen. Vielmehr ist es die Aufgabe der Wirklichkeit, sich an das menschliche Denken (oder etwas Geistartiges ganz allgemein) anzupassen.

Fußnoten


  • [1] Die Übersetzungen vom Lateinischen ins Deutsche stammen von einer KI. Hier steht die originale Textquelle aus einem Lexikon des Jahres 1904: "Die Scholastiker pflegen die Wahrheit als »adaequatio rerum et intellectuum« zu definieren (ALBERTUS MAGNUS, Sum. th. I, 25, 2). »Veritas prima una est, prototypus et exemplar omnis veri, una et indivisa in omnibus, qua omnia vera recta sunt et vera« (ib.). THOMAS erklärt: »Veritas intellectus est adaequatio intellectus et rei, secundum quod intellectus dicit esse quod est, vel non esse quod non est« (Contr. gent. I, 59. De verit. 1, 2). »In rebus neque veritas neque falsitas est nisi per ordinem ad intellectum« (Sum. th. I, 17, l). »Veritas habet fundamentum in re« (1 sent. 19, 5). »Nihil aliud est verum, quam esse quod est, vel non esse quod non est« (1 perih. 13). Zu unterscheiden sind: »veritas absoluta« (6 eth. 2), »accidentalis, aeterna« (Sum. th. I, 16, 7c. Contr. gent. II, 83 squ.). Außerhalb des menschlichen Geistes sind die Dinge wahr »in ordine ad intellectum divinum« (De verit. 1, 2). Im göttlichen Geiste ist die »veritas proprie et primo« (De verit. 1, 4c). Die Vernunftwahrheiten sind ewig im göttlichen Geiste (Sum. th. I, 10, 3. vgl. ANSELM, Monol. 1, 18. De verit. 10, 13). Der active Intellect erkennt die constante Wahrheit im Vergänglichen (Sum. th. I, 84, 6). Nach DURAND VON ST. POURÇAIN ist die Wahrheit »conformitas intellectus ad rem intellectam« (In l. sent. 1, 19, qu. 5). Verschiedene Arten der Wahrheit unterscheidet WILHELM VON AUVERGNE: (De universo, Opp. 1674). Nach BACONTHORP hat die Wahrheit ein Sein in den Dingen und im Intellect (1 dist. 19, 2). Als Übereinstimmung des Denkens mit dem Sein bestimmt die Wahrheit u. a. auch SUAREZ (Met. disp. 8, sct. 2, 9. vgl. De an. III, 10). »Veritas transcendentalis« bedeutet die begriffliche Wesenheit des Dinges »Veritas transcendentalis significat entitatem rei, connotando cognitionem seu conceptum intellectus, cui talis entitas conformatur vel in quo talis res repraesentatur« (Met. disp. 6, sct. 2, 25). Über die »doppelten Wahrheiten«" In: der Artikel "Wahrheit". Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Band 2. Berlin 1904, S. 672-690. Online: http://www.zeno.org/nid/20001809733
  • [2] Metzler Lexikon der Philosophie: "Wahrheit ist dann erreicht, wenn urteilender Verstand bzw. Geist und die zu beurteilende Sache übereinstimmen (Aristoteles, Th. v. Aquin)." Der Satz "»ein Satz ist wahr, wenn er mit der Wirklichkeit übereinstimmt« schreibt das Lexikon dem arabischen Philosophen Avicenna (980 bis 1037) zu. Als verwandte Begriffe werden "Adäquationstheorie" und "Korrespondenztheorie" sowie "Wahrheit" angegeben. In: der Artikel "Ädaquatio rei et intellectus". Metzler Philosophie Lexikon. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar, 1999. ISBN: 3-476-01679-X. Dort auf Seite 8.
  • [3] "Die Feststellbarkeit der Entsprechung bleibt dabei ebenso ein Problem, wie die Bestimmung des Begriffs der Wirklichkeit." Diese Kritik an der Adäquationstheorie steht in: der Artikel "Adäquationstheorie". Metzler Philosophie Lexikon. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar, 1999. ISBN: 3-476-01679-X. Dort auf Seite 9.
  • [4] Etiennte Temper, im Jahr 1270 Bischof von Paris, warf Gegnern innerhalb der Kirche mit dem Glauben nicht vereinbare Aussagen zu verbreiten. Diese Aussagen entstammten oft einem aufkeimenden naturwissenschaftlichen Denken. Siehe dazu den Artikel über die 👉 Doppelte Wahrheit
  • [5] Papst Leo XIII: Rundschreiben Aeterni Patris über die Erneuerung der Wissenschaft auf der Grundlage der philosophischen Prinzipien des heiligen Thomas von Aquin. 4. August 1879. Siehe auch 👉 Aeterni patris
  • [6] Dass die (vermeintlich) perfekte Ausbildung der Hand ein Hinweis auf einen göttlichen Schöpfer sei vertrat etwa der Engländer William Whewell. Siehe mehr zu der Idee, in der Wirklichkeit Spuren göttlichen Wirkens sehen zu können im Artikel über die 👉 natürliche Religion
  • [7] Rene Descartes Genius malignus im Lateinischen Original: "Supponam igitur non optimum Deum, fontem veritatis, sed genium aliquem malignum, eundemque summe potentem & callidum, omnem suam industriam in eo posuisse, ut me falleret…" In: René Descartes, Meditationes de prima philosophia, Meditatio I. 1641. Online: https://www.thelatinlibrary.com/descartes/des.med1.shtml
  • [8] Im lateinischen Original: "atque his paucis omnia recensui quae vere scio… Cùmque attendo me dubitare… adeò clarà & distinctà idea entis independentis & completì, hoc est Dei, mihi occurrit; & ex hoc uno quòd talis idea in me sit… adeò manifeste concludo Deum etiam existere, atque ab illo singulis momentis totam existentiam meam dependere, ut nihil evidentius, nihil certius ab humano ingenio cognosci posse confidam" In: Rene Descartes: Meditationes de prima philosophia, Meditatio III, De Deo, quòd existat, Abschnitt 2. Online: https://la.wikisource.org/wiki/Meditationes_de_prima_philosophia_%28Adam_et_Tannery%29/Meditatio_III
  • [10] Der preußische Minister Wöllner drohte Immanuel Kant in einem kurzen Drohbrief mit "unfehlbar unangenehme[n] Verfügungen" Der Grund für das Missfallen des Ministers ist die Vermutung, Kant gehe mit seinem Lehren in Widerspruch zur christlichen Lehre: "Unsere höchste Person hat schon seit geraumer Zeit mit großem Mißfallen ersehen: wie Ihr Eure Philosophie zu Entstellung und Herabwürdigung *) mancher Haupt- und Grundlehren der heiligen Schrift und des Christentums mißbraucht; wie Ihr dieses namentlich in Eurem Buch: 'Religion innerhalb der Gränzen der bloßen Vernunft', desgleichen in anderen, kleineren Abhandlungen getan habt." Das Drohschreiben des preußischen Staatsministers Wöllner von 1794 ist vollständig wiedergegeben in: Hans Joachim Störig: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Fischer Taschenbuch Verlag. Dreizehnte Auflage. 1987. ISBN: 3-596-26562-2. Dort auf Seite 413. Online: https://www.textlog.de/36170.html
  • [11] "Nach der Kopenhagener Deutung, die besonders von Niels Bohr ausgearbeitet wurde, macht es keinen Sinn, von der Eigenschaft eines Quantenteilchens zu reden, unabhängig von dem Versuchsaufbau, in dem sich diese Eigenschaft manifestiert. Ein Photon oder Neutron besitzt also an sich weder Welleneigenschaft noch Teilcheneigenschaft." In: Anton Zeilinger: Jenseits jeder Gewißheit: Das Rätsel der Quantenwelt. Ausstellung in der Neuen Galerie in Graz (1997) und im Ludwig Museum in Budapest (1996). Katalog im Passagen Verlag, Wien. Der bewusste Verzicht auf eine anschauliche Deutung der Wirklichkeit ist eine der Kernaussagen der 👉 Kopenhagener Deutung
  • [12] Die Korrespondenztheorie der Philosophie "vertritt die Auffassung bezüglich der Wahrheit, dass Wahrheit in der Übereinstimmung zwischen einer Vorstellung oder einem Urteil und der Wirklichkeit (bzw. deren vorgestelltem Teil) besteht. […] In der scholastischen Formel »veritas est adaequatio rei et intellectus« wird dies explizit zum Ausdruck gebracht." In: Metzler Philosophie Lexikon. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar, 1999. ISBN: 3-476-01679-X. Dort der Artikel "Korrespondenztheorie", Seite 305. Siehe auch 👉 Korrespondenztheorie
  • [14] Albert Einstein soll lieber auf stimmige Theorien verzichtet haben, als die "Kompatibilität von Welt und Denken" aufzugeben: "Einstein war bereit, der Einheit von Welt und Denken und der daraus resultierenden ontologischen Logik, die Verbindlichkeit sinnvoller, widerspruchsfreier und voraussetzungsgesicherter Denkschritte zu opfern. Das Ergebnis eines Denkens sollte nur dann anerkannt werden können, wenn es mit dem ersten logischen Satz, der die Kompatibilität von Welt und Denken behauptet, übereinstimmte." In: Werner Heisenberg: Quantentheorie und Philosophie. Reclam Verlag. Stuttgart. 1979. ISBN: 3-15009948-X. Dort im Nachwort von Jürgen Busche. Seite 123.
  • [15] "In dem einfachsten Fall des Wasserstoffatoms konnte man aus der Bohrschen Theorie die Frequenzen des emittierten Lichtes berechnen […] Allerdings waren diese Frequenzen verschieden von den Bewegungsfrequenzen der Elektronen in ihren Bahnen". In: Werner Heisenberg: Quantentheorie und Philosophie. Reclam Verlag. Stuttgart. 1979. ISBN: 3-15009948-X. Dort im Kapitel "Die Geschichte der Quantentheorie". Seite 9. Die Frage nach den Frequenzen und Bewegungsweisen des Elektrons im Bohrschen Atom ist in dem hier zitierten Kapitel von Heisenberg ausführlich dargelegt.
  • [17] Dass man die Physik nicht ohne Philosophie betreiben sollte fordert recht deutlich zum Beispiel Anton Zeilinger. Siehe dazu den Artikel zu 👉 Zeilingers Kant-Forderung

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