WH54 Fachwortlexikon
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Bildbeschreibung und Urheberrecht

Ding an sich


Erkenntnistheorie


Basiswissen


Das Ding an sich ist ein Begriff, der in der modernen Erkenntnistheorie wesentlich von Immanuel Kants dualistischer Philosophie geprägt ist, wobei er in dessen Gesamtwerk in zahlreichen, teils miteinander nicht vereinbaren Bedeutungen verwendet wird. Vorwiegend gilt das Wort als Oberbegriff für sogenannte intelligible Gegenstände oder für die denkmögliche Entität einer intelligiblen Ursache, die beide dadurch bestimmt sind, keine Entsprechung in der reinen, folglich auch nicht in der sinnlichen Anschauung (Erfahrung) zu haben.

Dualistisch, intelligibel, Entität


Dualistisch ist Kants Denken insofern, da es - ähnlich wie Descartes - die Gegenstände des Bewusstseins (res cogitans) abtrennt von den real existierenden Gegenständen einer Außenwelt (res extensa). Intelligbel heißt so viel wie erkennbar, verstehbar. Es bleibt dabei offen, was genau verstehbar heißt. Eine Entität ist hier eine Einheit, ein Objekt, etwas das in beständiger Form wiederkehrt.

=> Intelligibel
=> Dualismus

Originalzitat von Kant


„Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den reinen Verstand synthetisch sagen könnten (welches gleichwohl unmöglich ist), so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht Dinge an sich selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also in diesem letzteren Falle in der transscendentalen Überlegung meine Begriffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit vergleichen müssen, und so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der Dinge an sich, sondern der Erscheinungen sein: was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht und brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann.“[1]

Aktualität: was ist ein Elektron?


Ein Elektron wird oft dargestellt als kleiner blauer Punkt oder eine kleine Kugel. Als solches ist es eine Entität unserer inneren Vorstellung, ein res cogitans. Messgeräte und Versuche - etwa das Doppelspaltexperiment - sprechen überzeugend für die Existenz und Teilchenhaftigkeit von Elektronen. Man kann ihre Spur etwa in Nebelkammern sichtbar machen oder ihr Auftreffen auf einem Leuchtschirm. Gleichzeitig ist unklar, ob Elektronen eine räumliche Ausdehnung besitzen (res extensa?) und wie sie ihr Teilchencharakter mit Welleneigenschaften vertragen soll[2]. Kants Genügsamkeit, nicht wissen zu müssen, was ein Ding an sich sei ähnelt sehr dem rein formalen Herangehen vieler Wissenschaftler: sie begnügen sich damit, Dinge berechnen zu können, gehen aber der Frage nach der Natur, dem Wesen der Dingen nicht weiter nach (Kopenhagener Deutung der Quantenphysik). Siehe auch unter => Elektron

Quellen


◦ [1] Kant, Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900ff, AA IV, Kritik der reinen Vernunft, Seite 178
◦ [2] Natalie Wolchover: Was ist ein Teilchen. In: Spektrum der Wissenschaft 4.21 (April 2021), Seite 13 ff.

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