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Gradualismus (Bewusstsein)

Evolution

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Definition


In der Bewusstseinsforschung steht Gradualismus für einen mehr oder minder stufenlosen Übergang von verschiedenen Ausprägungen von Bewusstsein zwischen verschiedenen biologischen Lebensformen. Es gibt demnach keine scharfe Trennung zwischen bewussten und unbewussten Organismen sondern nur Unterschiede im Ausmaß oder der Ausprägung von Bewusstsein.

Charakterisierung


In der Evolutionstheorie steht Gradualismus für die Idee eines langsamen in kleinen Schritten sich vollziehenden Wandels bei der Veränderung von Arten:

DEFINITION:

Gradualismus bezeichnet "die herkömmliche, bereits von C.R. Darwin vertretene Vorstellung, daß der mikroevolutionäre Artwandel allmählich und nicht sprunghaft (durch das plötzliche Entstehen neuer Typen) abgelaufen ist."

Bleibt man eng an diesem Konzept, dann müssen alle Eigenschaften heute lebender Organismen aus kleinsten Veränderungen von der toten Materie aufwärts entstanden sein. Und zu diesen Eigenschaften zählt dann auch das Bewusstsein:


ZITAT:

Ernst Häckel, 1899: "Die wundervollste aller Naturerscheinungen, die wir herkömmlich mit dem einen Worte 'Geist' oder 'Seele' bezeichnen, ist eine ganz allgemeine Eigenschaft des Lebendigen. In aller lebendigen Materie, in allem Protoplasma müssen wir die ersten Elemente des Seelenlebens annehmen, die einfache Empfindungsform der Lust und Unlust, die einfache Bewegungsform der Anziehung und Abstoßung – Nur sind die Stufen der Ausbildung und Zusammensetzung dieser 'Seele' in den verschiedenen lebendigen Geschöpfen verschieden; sie führen uns von der stillen Zellseele durch eine lange Reihe aufsteigender Zwischenstufen allmählich bis zur bewußten und vernünftigen Menschenseele hinauf." [6]


Ernst Häckel verwendete hier statt Bewusstsein die auch theologisch bedeutsamen Begriffe Geist und Seele. Dabei muss man vorsichtig sein. Geist [7], Seele [8] und Bewusstsein [9] haben durchaus wichtige Unterschiede in der Bedeutung. Aus dem Gesamtwerk von Häckel aber wird klar, dass er mit den Worten im Wesentlichen das meinte, was man heute als Bewusstsein bezeichnet.


ZITAT:

Peter Godfrey-Smith, 2024: "Eine evolutionäre Sicht bestärkt auch einen gradualistischen Blick auf Bewusstsein: eine einfache Unterscheidung zwischen bewussten und unbewussten Tieren wird wahrscheinlich einem Blick weichen, der Unterschiede im Maß erlaubt". [3]


Das letzte Zitat soll stellvertretend für ein Aufleben der naturwissenschaftlichen Erforschung von Bewusstsein den 2010er Jahren stehen. Es gibt inzwischen eine breite, empirische Strömung an Forschungen zum Bewusstsein von Tieren, die evolutionär weit vom Menschen entfernt sind, aber Anzeichen eines bewussten Erlebens zeigen.

Vorgeschichte


Dass sich das Phänomen des Bewusstseins in leichten Abstufungen über das gesamte Reich der Lebewesen erstrecken, ist keine Offensichtlichkeit. Über lange Zeiten hinweg betrachte man Tiere als bloße Maschinen. Kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges etwa beschrieb der Philosoph Rene Descartes (1596 bis 1650) Tiere als bloße Automaten:


ZITAT:

Rene Descartes, 1649: "… es erscheint vernünftig, da die Kunst die Natur nachahmt und der Mensch verschiedene Automaten erschaffen kann, die sich unbewusst bewegen, dass die Natur selbst weitaus prächtigere Automaten hervorbringt als die künstlichen. Diese natürlichen Automaten sind die Tiere." [10]


Doch sollte man den Mechanismus Descartes nicht stellvertretend für die ältere Philosophie an sich nehmen. Differenzierter sah es zum Beispiel der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin (1225 bis 1274). Er gestand Tieren durchaus Empfindsamkeit, nicht aber Denkfähigkeit zu:


ZITAT:

Thomas von Aquin (1225 bis 1274): "Keine Tätigkeit des empfindungsfähigen Teils kann ohne einen Körper stattfinden. Doch in den Seelen stummer Tiere finden wir keine höhere Tätigkeit als die des empfindungsfähigen Teils. Dass Tiere weder verstehen noch denken können, zeigt sich darin, dass sich alle Tiere derselben Art gleich verhalten, als ob sie von ihrer Natur getrieben wären und nicht nach irgendeinem Prinzip der Kunst handelten: Denn jede Schwalbe baut ihr Nest gleich und jede Spinne ihr Netz gleich. Daher gibt es in der Seele stummer Tiere keine Tätigkeit, die ohne einen Körper stattfinden könnte." [11]


Und auch im Zeitalter des aufkommenden mechanistischen Denkens, verwiesen Denker auf Anzeichen, dass Tiere mehr sein müssen als bloß Automaten:


ZITAT:

de Fontenelle, 1683: "Sagst du, dass Tiere Maschinen sind, genau wie Uhren? Stell eine männliche und eine weibliche Hunde-Maschine nebeneinander, und irgendwann entsteht eine dritte kleine Maschine, wohingegen zwei Uhren ihr ganzes Leben lang nebeneinander liegen, ohne jemals eine dritte Uhr hervorzubringen." [12]


Einen interessanten Umkehrschluss hin zum modernen Gradualismus machte im Jahr 1651 Thomas Hobbes. Er folgerte aus der Ähnlichkeit von Maschinen und Menschen, dass möglicherweise auch Maschinen eine Art von Lebendigkeit haben könnten:


ZITAT:

"Da das Leben nichts anderes ist als die Bewegung der Glieder, deren Ursprung in einem inneren Hauptteil liegt, warum sollten wir nicht sagen, dass alle Automaten (Maschinen, die sich wie eine Uhr durch Federn und Räder selbst bewegen) ein künstliches Leben besitzen? Denn was ist das Herz anderes als eine Feder, die Nerven anderes als viele Saiten und die Gelenke anderes als viele Räder, die dem ganzen Körper Bewegung verleihen, wie es der Erfinder beabsichtigt hat?" [13]


Die Sache bleibt also unentschieden. Der Franzose Denis Diderot vergleicht das menschliche Denken mit den Schwingungen der Saiten eines Cembalos und folgert konsequent, dass bei dieser Analogie auch die Cembalos lebendig werden könnten:


ZITAT:

Denis Diderot, 1769: "Wenn dieses empfindungsfähige und beseelte Cembalo nun mit der Fähigkeit ausgestattet wäre, sich selbst zu ernähren und zu reproduzieren, würde es leben und entweder allein oder mit seiner weiblichen Partnerin kleine Cembali gebären, die leben und klingen." [14]



Gunter Heim, Autor dieser AnmerkungANMERKUNG:

Bemerkenswert an all diesen Argumentationen finde ich etwas, das doch eigentlich jeden Menschen direkt anrühren sollte, nämlich die starke Ausdrucksfähigkeit vieler Tiere. Wer etwa die Körpersprache und Mimik eines Hundes, einer Katze oder eines Papageien kennt, wird sich schwer tun, sein Tier als bloße Reflexmaschine zu sehen. Waren die mechanistischen Philosophen des 17. bis 20. Jahrhunderts blind und taub auf diesen Kanälen?


Es gab Ausnahmen, aber diese bildeten keine dominante Gegenströmung. Nochmals zitieren möchte ich Ernst Häckel, der sogar den kleinsten Tieren und in letzter Konsequenz sogar der Materie ein zartes Bewusstsein zugestand:


ZITAT:

Ernst Häckel, 1899: "In aller lebendigen Materie, in allem Protoplasma müssen wir die ersten Elemente des Seelenlebens annehmen, die einfache Empfindungsform der Lust und Unlust, die einfache Bewegungsform der Anziehung und Abstoßung". [6]


Machen wir nun einen Sprung ins 20. Jahrhundert. Die naturwissenschaftliche Strömung des Behaviorismus versucht dem Vorbild der Physik folgenden, allen psychischen Zustände aus ihrem Methodenkatalog zu verbannen. Nur direkt messbare Vorgänge oder Zustände werden zugelassen:


ZITAT:

John B. Watson, 1913 und 1927: "...das Verhalten von Tieren kann untersucht werden, ohne auf das Bewusstsein zurückzugreifen... Die Psychologie, wie sie vom Behaviorismus betrachtet wird, ...kann im psychologischen Sinne auf das Bewusstsein verzichten." [15] Sowie: "Der Behaviorist findet kein Bewusstsein in den Reagenzgläsern seiner Wissenschaft." [16]


Hier muss man vorsichtig deuten: das Zitat lässt offen, ob a) Bewusstsein nur überflüssig für eine Beschreibung des Verhaltens ist, aber tatsächlich doch vorkommt, oder ob b) aus der methodischen Entbehrlichkeit des Bewusstseins (fälschlicherweise) auf sein Nichtvorhandensein geschlossen wird. Eine Analogie macht die Gefahr des Trugschlusses deutlich. Um den Sturz eines Menschen von einem Hausdach physikalisch als freien Fall zu beschreiben, benötigt man keinerlei psychischen Zustände der stürzenden Person. Soll man daraus schließen, dass die Person weder Schrecken, Angst noch Schmerz empfindet? Die Wurzel des Trugschlusses ist daran begründet, dass man Verhalten im Behaviorismus mit äußerem Verhalten gleichsetzt. Ein inneres Verhalten, etwa im Sinne eines kreativen aktiven Denkens oder der bewussten Herbeiführung von Gefühlszuständen in der Meditation würde der Behaviorismus nicht erkennen, solange entsprechende Mensch keine messbaren Anzeichen davon von sich gibt.

Eine krasse der Vorstellung, dass wohl nur ältere Menschen ein Bewusstsein haben könnten, führte bis in die 1980er Jahre dazu, dass man Operationen an Säuglingen nur mit wenig oder gar keiner Narkose durchührte. Einer der Gründe war, dass wohl das Nervensystem zu schwach ausgebildet sei. [17]

Als Fazit kann man festhalten, dass innerhalb der Naturwissenschaften die Frage nach einem Bewusstsein von Tieren oder anderen Erscheinungen der materiellen Welt, etwa Automaten, bis weit ins 20. Jahrhundert mit widersprüchlichen Positionen oft angerissen wurde. Dabei blieb es aber meist mehr bei apodiktischen Behauptungen. Wo eine Position begründet wurde, galt als Beleg meine eine fertige Theorie (Beseelung durch Gott, Leben als Automat etc.). Und auch aufwändigen empirischen Betrachtungen wie denen von einem Ernst Häckel [18], fehlte oft ein tragfähiger philosophischer Unterbau.

21. Jahrhundert


Ab etwa den 2010er Jahren mehren sich wissenschaftlich gut dokumentierte Belege dafür, dass auch kleinste Lebewesen ein Empfinden und ein inneres psychisches Erleben haben könnten:


Damit einher gehen Bemühungen, etwa von Neurowissenschaftlern, das Phänomen des Bewusstsein gut nachvollziehbar messbar im Sinn von empirischen Naturwissenschaften zu machen:


ZITAT:

Stanislas Dehaene, 2011: "Anschließend vergleichen wir die Vorhersagen des globalen neuronalen Arbeitsraums mit experimentellen Studien, die versucht haben, die physiologischen Merkmale der bewussten Sinneswahrnehmung zu beschreiben, indem sie diese mit der unterschwelligen Verarbeitung kontrastierten." [23]


Es lohnt sich, den zitierten Artikel im Original zu lesen. Der Franzose Stanislas Dehaene (geboren 1965) und seine Kollegen haben ausgefeilte Experimente ersonnen, mit denen sie überzeugend Indizien angeben können, welche neuronalen Erregungsmuster mit bewusst empfundenen Erleben bei Menschen einhergehen können. Und solche Erkenntnisse kann man dann dazu nutzen, ähnliche Muster auch anderswo im Reich des Lebendigen zu finden.

Der australische Philosoph Peter Godfrey-Smith (geboren 1965) argumentiert verträglich mit Dehaene mit dem Konzept des NDS (neural dynamics of subjectivty), dass Bewusstsein einhergeht mit bestimmten Kombinationen von Netzwerk-Interaktionen und Aktivitätsmustern in Nervensystemen. [3] Dabei haben sich starke Ähnlichkeiten zwischen so weit voneinander entfernten Tierstämmen wie den Gliederfüßern (z. B. Spinnen, Insekten, Krebse), Kopffüßern (z. B. Oktopusse) und Wirbeltieren ausgebildet. Wichtig ist hier, dass sich diese Ähnlichkeiten ausgebildet haben, nachdem sich die Tierstämme im fernen Zeitalter des Kambriums vor mehr als 500 Millionen in ihrer evolutionären Entwicklung voneinander getrennt hatten. Und diese Ähnlichkeiten [4] verweisen auf genau jene Zustände die Menschen als bewusst empfinden (apparent link to felt experience in humans). Nicht wichtig für das Aufteten von Bewusstsein, so Godfrey-Smith, seien hingegen einzelne anatomische Bauteile der Gehirne. [5]

Die moderne Bewusstseinsforschung an Tieren ähnelt also insofern Häckels Ansatz aus dem 19. Jahrhundert, dass man Ähnlichkeiten in der materiellen Welt als Indiz für ähnliche psychische Zustände sucht. Aber während man im 19. und auch im 20. Jahrhundert weitgehend bei anatomischen Strukturen (Bau des Nervensystems) blieb, ist im frühen 21. Jahrhundert das Muster der elektrischen Erregungen in den Vordergrund getreten.

Persönliche Anmerkung


 Portrait von Gunter Heim Wenn für das bewusste Erleben nicht besondere anatomische Teile wie ein Neokortex oder ein Thalamus wichtig sind, sondern, so Godfrey-Smith, ein zellulärer Aufbau (networked) sowie räumlich übergreifende und diffuse Aktivitätsmuster, dann wäre es naheliegend, auch entsprechende Aktivitätsmuster in technischen Kommunikationsstrukturen oder künstlichen neuronalen Netze in Betracht zu ziehen. Siehe dazu den Artikel zum hypothetischen 👉 Global Brain

Fußnoten



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