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Zellseelen und Seelenzellen


Biologie


Basiswissen


Der Biologe Ernst Haeckel (1834 bis 1919) ging von einer generellen Beseelung der belebten Materie aus. Einige Schlüsselstellen aus einem Vortrag Haeckels aus dem Jahr 1878, der später als Büchlein veröffentlich wurde, sind hier kurz zitiert und kommentiert.

Zur geschichtlichen Einordnung


Ernst Haeckel hatte vor allem im 19ten Jahrhundert geforscht und gewirkt. Dieses Jahrhundert war von einer weiteren Zuspitzung einer alten philosophischen Streitfrage geprägt: Ist unserer Welt ganz durch rein mechanische Gesetze ihrer materiellen Bauteile bestimmt? Oder aber durchwirken geist- und seelenartige Substanzen diese Welt und stellen das eigentlich Wesentliche dar? Haeckel hatte weite Teile der Welt bereist und umfangreiche Forschungen, vor allem an den Lebewesen des Meeres unternommen. Viele Ähnlichkeiten zwischen den Meereswesen und Menschen, machten es für ihn offensichtlich, dass bereits Zellen erste Seelenregungen zeigen, die sich dann in mehrzelligen Organismen zu höherer Formen weiter entwickeln. Haeckels Gedanken sind bis heute weder widerlegt noch bewiesen, ganz einfach weil jede klare Definition einer naturwissenschaftlich "messbaren" Seele fehlt. Die folgenden Zitate zeigen eine verblüffende Vielfalt und Tiefe an Phänomenen der lebendigen Welt. Diese, und das war die Absicht Haeckels, sollten uns mindestens vorsichtig machen, zu glauben, dass wir als Menschen die einzig psychischen Wesen auf der Erde seien.

Zur Einstimmung: Haeckels beseelte Lebenswelt


„Die wundervollste aller Naturerscheinungen, die wir herkömmlich mit dem einen Worte 'Geist' oder 'Seele' bezeichnen, ist eine ganz allgemeine Eigenschaft des Lebendigen. In aller lebendigen Materie, in allem Protoplasma müssen wir die ersten Elemente des Seelenlebens annehmen, die einfache Empfindungsform der Lust und Unlust, die einfache Bewegungsform der Anziehung und Abstoßung – Nur sind die Stufen der Ausbildung und Zusammensetzung dieser 'Seele' in den verschiedenen lebendigen Geschöpfen verschieden; sie führen uns von der stillen Zellseele durch eine lange Reihe aufsteigender Zwischenstufen allmählich bis zur bewußten und vernünftigen Menschenseele hinauf.“[2, dort das Kapitel 6: Das Wesen der Seele (Seite 54).] Siehe auch Holismus und Evolution ↗

Haeckel über die Psyche von Radiolarien


Radiolarien, auch Strahlentierchen genannt, sind kleine Einzeller, die im Wasser leben und oft wunderschöne Skelette aus Opal (SiO2) bilden. Haeckel schreibt, dass vor allem sie ihn zu der Idee beseelter Einzeller führen. Er schreibt: "Maßgebend für meine Überzeugung vom Seelenleben der Zelle wurden vor allem meine langjährigen Studien über die Radiolarien, die sich über einen Zeitraum von 28 Jahren ausdehnten (von 1859 - 1887). Denn in dem einzelligen Organismus dieser wunderbaren Rhizopoden, von denen ich in meiner Monographie (1887) mehr als 4300 Arten beschreiben konnte, offenbart sich die psychische Tätigkeit des formlosen, noch nicht organisierten Plasma einerseits in der einfachsten, anderseits in der mannigfaltigsten und lehrreichsten Weise."[1, Vorwort]

Haeckels Stufenleiter der Tierseelen


"Auch ist ferner die Tatsache jetzt wohl allgemein anerkannt, daß mindestens ein Teil der Seelentätigkeiten, insbesondere Wille und Empfindung, bei den höheren Tieren sich ähnlich wie beim Menschen verhält; und eine psychologische Vergleichung der verschiedenen Tiere zeigt uns eine lange Stufenleiter von verschiedenen Entwicklungsraden der Tierseele"[1, Seite 6]." Sowie: "Erstens nämlich zeigt uns die vergleichende Seelenlehre der Tiere eine lange Stufenleiter der Entwickelung, auf der alle denkbaren Stufen der Vernunft und des Bewußtstseins vertreten sind, vom ganz unvernünftigen bis zum ganz vernünftigten Tiere, vom Schwamme und Polypen bis zum Hunde und Elefanten[1, Seite 22]." Siehe auch Stufenleiter ↗

Die Seele muss sich entwickeln


"Unzweifelhaft unterliegt die Seele in jedem einzelnen Menschen wie in jedem Tiere einer langsamen, allmählichen und stufenweisen Entwickelung. Das ist eine psychologische Tatsache von grundlegender Bedeutung. Auch die größten Denker aller Zeiten, auch Aristoteles und Plato, Spinoza und Kant sind einmal Kinder gewesen; auch ihre gewaltige, weltumfassende Denkerseele hat sich stufenweise und allmählich entwickelt.[1, Seite 7]" Sowie: "Zweitens sehen wir an jedem Kinde, wie an jedem höhere Tiere, daß Vernunft und Bewußtsein bei der Geburt noch nicht vorhanden sind, sondern sich erst langsam und allmählich entwickeln[1, Seite 22 f.]" Siehe auch Bewußtsein ↗

Die Seele hat ihre Organe, einen Seelenapparat


"Die erste, allgemeinste und wichtigste Tatsache, welche dem Naturforscher hier beim Beginne seiner psychologischen Forschung entgegentritt, ist die Abhängigkeit aller Seelentätigkeit von gewissen materiellen Teilen der Tierkörper, den Seelenorganen. Beim Menschen und bei den höheren Tieren sind solche Seelenwerkzeuge: die Sinnesorgane, das Nevensystem und das Muskelsystem; bei den niederen Tieren sind es Zellengruppen oder selbst einzelne Zellen, welche noch nciht zu Nerven und Muskeln sich gesondert haben. Jede Äußerung des Seelenlebens, jede psychische Arbeit ist unabänderlich an ein solches Organ geknüpft und ohne dasselbe nicht denkbar."[1, Seite 8] Sowie: "Die genannten Werkzeuge unseres Seelenlebens,nämlich 1. die Sinnesorgane, 2. das Nervensystem und 3. die Msukeln bilden zusammen einen einzigen großen Apparat, den wir mit einem Worte kurz als den Seelenapparat bezeichnen."[1, Seite 10]

Assozionen und Mischungen von Seelen


Haeckel ging davon aus, dass bereits organische Moleküle empfindsam seien[4]. Durch Verbindungen und Mischungen ergeben sich daraus höhere Zustände des Seelischen. In einem Lexikon des Jahres 1912 heißt zu den Vorstellung Häckels: "Die Psychologie ist nur ein Teil der Physiologie, Einen immateriellen Geist gibt es nicht. Das Seelenleben ist vielmehr »eine Summe von Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes materielles Substrat gebunden sind«. Dieses Substrat ist das »Psychoplasma«, bei dein höheren Tieren das »Neuroplasma«. Durch Differenzierung und »Assozion« hat sich das menschliche Geistesleben aus dem tierischen entwickelt. Die Psyche ist nur ein »Kollektivbegriff für die gesamten psychischen Funktionen des Plasma«. Empfindung kommt schon den niedersten Organismen zu; es gibt ferner »Zellseelen«, »Gewebeseelen«, »Nervenseelen«. Die Psyche des Menschen entsteht durch »Seelenmischung« aus der Verschmelzung der. »Seelen« der Sperma- und Eizelle. Die empfindenden organischen Moleküle nennt H. »Pastidule«. Das eigentliche Bewußtsein ist an ein zentralisiertes Nervensystem geknüpft."[2]

Der Telegraph als Analogie


Nach einer kurzen Erläuterung der Nerven- und Sinneswerkzeuge eines Strudelwurms, vergleicht Haeckel den biologischen Seelenapparat mit der Kommunikationstechnologie Telegraph: "Will man sich eine klare Anschauung von der Tätigkeit eines solchen Seelenapparates, vom Wesen des Seelenlebens verschaffen, so hilft dazu am besten der oft wiederholte Vergleich mit einem elektrischen Telegraphensytem. Dieser bekannte Vergleich ist nicht allein durch die ganze Einrichtung des Seelenapparates gerechtfertigt, sondern namentlich auch daduch, daß bei den Verrichtungen desselben in der Tag elektrische Ströme die größte Rolle spielen"[2, Seite 14 f.] Haeckels Vergleich von Nerven mit Telegraphen erinnert an eine ähnliche Analogie, die rund 100 Jahre nach seiner Zeit populär werden sollte, die Idee vom Internet als einem Global Brain ↗

Arbeitsteilung und Gehirnzellen als Seelenzellen


Jeder noch so "gigantische Leib dieser größten Organismen" (Walfische, Elefanten, Eichen) beginnt mit einer einfachen Eizelle. Bald darauf treten "Sonderungen" auf und "die Zellen beginnen sich in die Arbeiten des Lebens zu teilen […] Die Magenzellen übernehmen die Verdauung, die Blutzellen den Stoffumsatz, die Lungenzellen die Atmung […] die Tastzellen der Haut lernen Druck- und Wärme-Schwankungen zu verstehen […] die schwierigste und glänzendste Laufbahn aber betreten die Nervenzellen, und unter diesen sind es wieder die genialen Gehirnzellen, welche im kühnen Wettlaufe den höchsten Preis erringen und als Seelenzellen sich über alle anderen Zellenarten hoch erheben. Diese bedeutungsvolle Arbeitsteilung der Zellen - oder wie der Anatom sagt die Gewebebildung - vollzieht sich bei der individuellen Entwickelung jedes Tieres und jeder Pflanze unter unseren Augen innerhalb weniger Tage."[1, Seite 16 f.] Sowie: "Wir müssen es als eine Tatsache von größter Bedeutung hervorheben, daß bei allen vielzelligen Tieren, vom Hydra-Polypen bis zum Menschen hinauf, die Arbeitsteilung der Zellen in dieser Weise mit der Sonderung der beiden primären Keimblätter beginnt, und daß überall der Seelenapparat aus Zellen des äußeren Keimblattes hervorgeht. Bei Tieren aller Klassen entstehen Nerven, Sinnesorgane und Muskeln aus dem 'Sinnesblatt oder Hautlatt der Gastrula'"[2, Seite 19]. Siehe auch Arbeitsteilung ↗

Haeckels biogenetische Grundregel


Die Entwicklung eines individuellen Wesens vollzieht die Entwicklung der biologischen Art in groben Zügen nach: "Die Gewebebildung, die wir so unter dem Mikroskope erstaunlich rasch sich entwickeln sehen, ist nur eine kurze, durch Vererbugn bedingt Wiederholung eines langen und langsamen historischen Prozesses, eines geschichtlichen Vorganges, der viele Jahrmillionen in Anspruch nahm, und bei welchem die Arbeitsteilung dre Zellen im eigentlichsten Sinne des Wortes, durch Anpassung an die verschiedenen Lebenstätigkeigkeiten der Zellen, im Kampfe ums Dasein allmählich entstand."[1, Seite 19 und 20]. Siehe auch biogenetische Grundregel ↗

Haeckels Zellenstaat


Haeckel vergleicht mehrfach die Biologie von Organismen mit Phänomen in menschlichen Gesellschaften: "Die Zellen verhalten sich dabei [bei der Gewebildung, siehe oben] ganz ebenso, wie die wohlerzogenen Staatsbürger eines gut eingerichteten Kulturstaates. In der Tat ist unser eigener Leib, wie der Leib aller höheren Tiere, ein solcher zivilisierter Zellenstaat. Die sogenannten 'Gewebe' des Körpers, Muskelgewebe, Nervengewebe, Drüsengewebe, Knochengewebe, Bindgewebe usw., entsprechen den verschiedenen Ständen oder Korporationen des Staates, oder noch genauer den erblichen Kasten, wie wir sie im alten Ägypten oder noch heute in Indien antreffen. Die Gewebe sind erbliche Zellenkasten im Kulturstaate des viellzelligen Organismus. Die Organe aber, die sich wieder aus verschiedenen Geweben zusammensetzen, sind den verschiedenen Ämtern und Instituten zu vergleichen. An der Spitze aller steht die mächtige Zentralregierung, das Nervenzentrum, das Gehirn. Je vollkommener das höhere Tier entwickelt, je stärker die Zellenmonarchie zentralisiert ist, desto mächtiger ist das beherrschende Gehirn, und desto großartiger ist der elektrische Telegraphenapparat des Nervensystems zusammengesetz, welcher das Gehirn mit seinen wichtigsten Regierungsbehörden, den Muskeln und Sinnesorganen, in Verbindung setzt."[1, Seite 20]. Siehe auch Zellenstaat ↗

Die Metapher vom Telegraph


Ein Telegraph, wörtlich ein Fernschreiber, war eine Art Vorläufer des Telephons. Übertragen wurden dabei kurze Signale, die beim Empfänger ein Schriftstück erstellten. So wurden im 19ten Jahrhundert Informationen über große Entfernungen übertragt. Für Haeckel eintspricht ein Telegraph der Biologie einer Nervenleitung in einem Organismus. So werden bei der Reizung der Haut eines Wurmes Daten übertragen: "Wenn wir denselben [einen Wurm] irgendwie rizen, wenn wir seine zarte Haut mit einer Nadelspitze oder mit einem kalten Eisstückchen berühren, so wird die damit verbundene Veränderung des Druckes oder der Temperatur sofort von den empfindelichen Hautzellen wahrgenommen welche als Grenzwächter überall an der äußeren Grenzfläche der Haut aufpassen; sie telegraphieren sofort ihre Wahrnehmung durch die Hautnerven an das Gehirn. Ebenso werden die Schallwellen, welche das Hörbläschen treffen, von den Hörzellen des letztere als Geräusche oder Töne empfunden und vom Hörnerve dem Gehirn telegraphisch gemeldet. Nicht minder senden die Sehzellen des Auges, die von einem Lichtstrahl getroffen werden, sofort ein Licht- oder Farbentelegramm an das Gehirn. Hier sitzt die hohe Regierung des Zellenstaates […] [1, Seite 21] Sie erteilen aber auch zugleich alle die Befehle des Willens, welche sofort durch die zentrifugalen Leitungsbahnen der Bewegungsnerven an die Muskeln ergehen"[1, Seite 22]. Die Frage, wie aus der Tätigkeit einzelner Zellen ein abgestimmter Wille, ein zielgerichtetes Handeln entstehen kann, betracht unter anderem die Neurowissenschaft unter dem Stichwort Bindungsproblem ↗

Fließender Übergang zum Unterbewusstsein


Bewusstsein ist nach Haeckel kein Phänomen, dass in scharfer und klarer Trennung entweder auftritt oder nicht sondern es tritt in vielen Abstufungen allmählich auf, von der unbelebten Materie zur belebten, vom ungeborenen Kind zum Erwachsenenen und auch: "Drittens endlich nehmen wir an uns selbst wahr daß eine scharfe Grenze zwischen bewußter und unbewußter Seelentätkgkeit so wenig als zwischen vernünftigem und und unvernünftigem Denken existiert, daß vielmehr diese Gegensätze ohne fixierte Grenze vielfach sich berühren und ineinander übergehen[1, Seite 24]."

Introspektion als Methode der Erkenntnis


In den empirischen Naturwissenschaften gilt Introspektion, also die Betrachtung des eigenen psychischen Innenlebens, nicht als beweiskräftige Methode. Der Grund dafür ist, dass die Ergebnisse der Introspektiont von anderen Menschen oft nicht nachvollzogen werden können. Das sieht Haeckel anders, wenn er schreibt: "Bekanntlich spielt gerade die dunkle Frage von Bewußtsein eine Hauptrolle in der psychologischen Kämpfen der Gegenwart. Der berühmte Physiolge Du Bois-Reymond hat in der 'Ignoarbimus'-Rede auf der Leipziger Naturforscher-Versammlung das Bewußtsein als ein völlig unlösbares Problem, als eine Grenze des Naturerkennens bezeichnet, welche der menschliche Geist auch bei weitester Entwickelung niemals überschreiten werde […] Aber auch die erstere Ansicht ist nicht haltbar [Haeckel meint damit die Unklärbarkeit der Bewusstseins-Frage]. Denn aufmerksame Selbstbeobachtung lehrt uns, wie tausendfach bewußte und unbewußte Handlungen fortwährend ineinander übergehen. Zahllose Verrichtungen des täglichen Lebens, wie z. B. der Gebrauch der Trinkgeschirre, der Messer und Gabeln, Lesen und Schreiben, das Spielen musikalischer Instrumente und dergl. beruhen auf verwickelten Tätigkeiten der Nerven und Muskeln, welche ursprünglich mit sorfgältiger Überlegung und klarem Bewußtsein langsam erlernt werden mußten, allmählich aber durch Übung und Gewohnheit völlig unbewußt geworden sind […] Umgekehrt gelangen wieder die verschiedensten unbewußten Handlungen sofort zum klaren Bewußtsein, sobald aus irgendeinem Grunde unsere Aufmerksamkeit darauf gerichtet und die Selbstbeobachtung angeregt wird[1, Seite 24 f.]." Siehe auch Introspektion ↗

Tiere haben Bewusstsein


Über die psychologischen Kämpfe seiner Gegenwart schreibt Haeckel: "Viele andere betrachten das Bewußtsein als einen ausschließlichen Vorzug des Menschen, der allen Tieren gänzlich fehle. Diese letzte Anscht wird sicher niemand teilen, der anhaltend und aufmerksam die bewußten und überlegten Handlungen der Hunde und Pferde, der Bienen und Ameisen und anderer vernünftiger Tiere beobachtet hat[1, Seite 24]." Siehe auch Tiere und Bewusstsein ↗

Aus Zelltätigkeit wird eine Vorstellung


Nun kommt das große Rätsel, die Entstehung von inneren Vorstellungen: "Und daneben leisten nun außerdem diese bewunderungswürdigen Seelenzellen des Hirns noch jene höchst merkwürdige und rätselhafte Arbeit, welche wir mit einem Worte als Vorstellung bezeichnen. Sie sind es, die bei den höheren Tieren, wie beim Menschen, die vollkommensten aller Seelentätigkeiten, diejenigen des Denkens und des Verstandes und des Bewußtseins vermitteln."[1, Seite 22] Die Frage, wie aus Materie letztendlich Bewusstsein entstehen soll bezeichnet man in der Philosophie als Kombinationsproblem ↗

Die Gehirnzellen haben ein eigenes Bewusstsein


Die Seelenzellen sind Haeckel zufolge die Zellen des Gehirns. Ihnen gesteht er ein eigenes Bewusstsein zu: "Die verwickelten Molekularbewegungen im Protoplasma der Seelenzellen, deren höchstes Resultat das Vorstellen und Denken, Vernunft und Bewußtsein ist, sind erst allmählich im Laufe vieler Jahrmillionen durch natürliche Züchtung erworben worden. Denn auch das Gehirn, das Organ jeder Funktionen, hat sich him Laufe dieser langen Zeiträume erst ganz langsam und stufenweise von der einfachsten zur vollkommensten Form entwickelt[1, Seite 25]". Was Haeckel hier beschreibt, die Entstehung von Vernunft und Vorstellung im Gehirn als Tätigkeit von eher unvernünftigen Seelenzellen bezeichnet man heute auch als Emergenz ↗

Die Tendenz zur Zentralisierung


"Das einfache Gehirn des Wurmes mit den wenigen davon ausstrahlenden Nervenfäden ist der Ausgangspunkt für eine Menge von verschiedenartigen und sehr verwickelten Einrichtungen im Nervensystem der höheren Tiere geworden. Dieses letztere verhält sich zu jenem ersteren ähnlich wie das großartige Telegraphensystem des heutigen Deutschen Reiches mit seinen Hunderten von Stationen und Tausenden von Beamten zu dem ersten einfachen Modell eines elektrischen Telegraphen, durch welches der Erfinder desselben vor siebzig Jahren eine der wichtigsten Förderungen des Gedankenaustausches der Nationen einleitete. Je höher entwickelt das Empfinden, Wollen und Denken eines Tieres ist, desto verwickelter und zentralisierter ist die Zusammensetzung des Seelenapparates, der diese psychische Arbeit leistet, desto beherrschender macht sich das Nervenzzentrum geltend, von dem die einheitliche Leitung des Ganzen abhängt.[1, Seite 26]" Die Tendenz hin zu einer Zentralisierung von Nervensystemen nennt man Zerebralisation ↗

Zellen im Menschkörper habe eigene Seele


"Gewöhnlich pflegt man daher das Zentrum des Nervensystems, das Gehirn im weiteren Sinne, als den 'Sitz der Seele' zu bezeichnen. Im Grunde ist jedoch dieser gebräuchliche Ausdruck unrichtig, und wir können ihm nur bildliche Geltung in demselben Sinne zugestehen, in welchem wir eine tüchtige Hausfrau als 'die Seele des Hauses', einen allmächtigen Minister als 'die Seele des Staates' bezeichnen. So wenig wir damit den anderen, von der Zentralgewalt abhängigen Personen ihre individuelle Seele absprechen wollen, so wenig dürfen wir letztere in den Millionen von Zellen im Seelenapparat der höheren Tiere leugnen, deren Gehirn wir als 'Sitz der Seele' bezeichnen. Als im deutsch-französischen Kriege 1871 Paris, das in der Tat die Seele des zentralisierten Frankreich und nach Vicutor Hugo sogar die Seele der Welt ist, von unserem siegreichen Heere fest eingeschlossen, als der telegraphische Verkehr mit dem übrigen Frankreich völlig abgeschnitten war, da arbeitete in den abgetrennten Gliedern des letzteren das vielverzweigte Telegraphennetz trotzdem unablässig fort, und Gambettas unerschütterliche Seele organisierte unablässig neue Heere zum Entstatze der belagerten Hauptstadt. So lehrt uns auch das physiologische Experiment an enthaupteten Fröschen und Insekten, daß trotz der Abtrennung des Gehirns das Seelenleben in den übrigen Teilen des Körpers noch lange Zeit fortbestehen kann.[1, Seite 26 und 27]"

Seelenzellen und Zellseelen


"Das Organ der Zentralseele ist die Gesamtheit der Seelenzellen, der Ganglienzellen des Gehirns, das Organ jeder einzelnen Zellseele hingegen ist der Leib der Zelle selbst, Protoplasma und Zellkern, oder ein Teil derselben.[1, Seite 28]"

Stufenleiter der Insekten-Seelen


"Einerseits bleiben viele niedere Insekten, z. B. Blattläuse, sChildläuse, Wanzen und überhaupt parasitische Insekten verschiedener Ordnungen, auf einer sehr tiefen Stufe der Ausbildung stehen, die sich nicht über diejenige der meisten Würmer erhebt: Essen und Zeugen ist ihr einziges Bedürnis. Andererseits erhebe sich die höheren, und vor allen die sozialen Insekten, die staatenbildenden Bienen und Wespen, Ameisen und Termiten, zu einer Höhe der Geistestätigkeit, welche nur den Vergleich mit derjenigen der stattenbildenden Kulturvölker gestattet. Die wunderbare Arbeitsteilung, insbesondere der Ameisen,führt zur Gliederung ihres Staates in verschiedene Stände, deren Angehörige sich durch besondere Mekrmale und Eigentümlichkeiten auszeichnen.[1, Seite 28 und 29]".

Das Kombinationsproblem


Wenn Haeckel höhere seelische Zustände, wie die des Menschen als eine Zusammensetzung niederer Seelen, zum Beispiel von Zellseelen[3], so betritt er damit ein Feld der Philosophie, das man heute als Kombinationsproblem bezeichnet. Wie hat man sich die Vermischung von einzelnen Seelen zu einer höheren Seele, in Haeckels Worten eine Assozion, genau vorzustellen? Treten die Einzelseelen in Konkurrenz oder bilden sie ein harmonisches Neues? Bleiben sie nach der Verbindung als vielleicht konkurrierende Einzelseelen (Vielseelenlehre) erhalten oder lösen sie sich im Höheren Seelenzustand auf? Siehe dazu auch Kombinationsproblem ↗

Kulturüberheblichkeit/Rassismus


"Sicher sind die intellektuellen Gegensätze zwischen den klugen Ameisen und ihrem dummen Melkvieh, den Blattläusen, größer als der ungeheuere Abstand zwischen dem göttergleichen Genius eines Goethe oder Shakespeare und der dürftigen Tierseele eines Hottentotten oder Australnegers.[1, Seite 30]" Siehe auch Rassismus ↗

Der Kampf ums Dasein


"Not macht erfinderisch, und Übung macht den Meister. Der harte Kampf ums Dasein stellt eben überall und jederzeit so strenge Anforderungen an den Selbsterhaltungstrieb der Tiere, daß sie zum Lernen und Arbeiten ebenso gezwungen sind wie der Mensch."[1, Seite 31] Siehe auch Kampf ums Dasein ↗

Stufenleiter


Nachdem Haechel von der Lernfähigkeit von zum Beispiel Vögeln und Bibern einerseits sowie menschlicher Triebe wie dem Selbsterhaltungstriebe, der Mutterliebe oder dem Geselligkeitstrieb gesprochen hat, folgert er: "Mithin ist weder der Instinkt eine ausschließliche Gehirneigenschaft des Tieres, noch die Vernunft ein besonderer Vorzug des Menschen. Vielmehr ergibt sich für die unbefangen vergleichende Seelenlehre eine lange, lange Stufenleiter von allmählichen Ausbildungsstufen und Entwickelungsformen des Seelenlebens, weche von den höheren zu den niederen Menschen, von den vollkommenen zu den unvolllkommenen Tieren Schriftt für Schritt hinabführt, bis zu jenem einfachen Wurme, dessen einfacher Nervenknoten den Ausgangspunkt für alle die zahllosen Hirnformen dieser Stufenleiter liefert."[1, Seite 33] Siehe auch Stufenleiter ↗

Seelen ohne Gehirn?


Haeckel nennt Gastraeden, Schwämme und Polypen als Beispiele für Tiere und ein Gehirn und fragt dann: "Bildet hier der Mangel des Nervensystems die untere Grenze des Seelenlebens? Oder gibt es hier eie Seele ohne Nerven? […] Ja, wir sind sogar der Überzeugung, daß gerade diese nervenlosen und doch beseelten Tiere für die verlgeichende Psychologie von höchstem Interesse sind und uns erst den wahren Schlüssel für das Verständnis der Seelenentwicklung liefern."[1, Seite 34]. Haeckel beschreibt dann ausführlich die Lebensregungen des Süßwasserpolyen und bemerkt "Der ganze Seelenapparat unserer Polypen besteht aus weiter nichts , als aus einer einfachen Schicht solcher Neuromuskelzellen" und damit "ist der
'Sitz der Seele' bei unserem kleinen Polypen die ganze äußere Haut"[1, Seite 37]. Als weitere Beispiele für Seelenwesen ohne Gehirn nennt Haeckel dann Seeglocken und Meduse[n]

Die Staatsqualle als Über-Person


Haeckel führt immer wieder Beispiele für eine Arbeitsteilung an. In der Arbeitsteilung sieht er eine Stufe hin zu höheren Formen des Seelenlebens, etwa bei sogenannten Staatsquallen: "Auch noch in anderer Beziehung ist die merkwürdige Tierklasse der Hydromedusen für die vergleichende Seelenlehre von höchstem Interesse. Dann aus ihr haben sich die Staatsquallen oder Siphonophoren entwickelt, jene schwimmenden Tierstöcke, welche für die Lehre von der Arbeitsteilung außerordenltich wichtig sind. Man findet die Siphonophoren schwimmend auf dem glatten Spiegel der wärmeren Meere, jedoch nur zu gewissen Zeiten und nicht häufig; sie gehören zu den prachtvollsten Gebilden der unerschöpflichen Natur, und wer jemals das Glück hatte, lebende Siphonopheren anhaltend zu beobachten, wird das herrliche Schauspiel ihrer wunderbaren Gestaltungen und Bewegungen nie vergessen. Am besten vergleicht man eine solche Siphonophore mit einem schwimmenden Blumenstock, dessen bunte Blätter, Blüten und Früchte zierlich geformt, zart gefärbt und wie aus geschliffenem Kristallglase gebildet sind. Jeder einzelne, blumenähnliche oder fruchtförmige Anhang des schwimmenden Stockes ist eigentlich eine Medusenperson, d. h. ein medusenartiges Einzeltier. […] Während aber in dem viel höher stehenden Ameisentaate das ideale Band der sozialen Interessen und des staatlichen Plichtgefühls die freien Staatsbürger zusammenhält, sind hier im Siphonophorenstaate die einzelnen Gemeindeglieder unmittelbar in körperlichem Zusammenhang, als Sklaven an das Joch der Staatskette geschmiedet. Zwar besitzt auch hier jede einzelne Person ihre persönliche Seele, abgetrennt vom Stocke kann sie sich willkürlich bewegen und selbständig empfinden. Außerdem aber besitzt der ganze Stock noch einen einheitlichen Zentralwillen, von dem die einzelnen Person abhängen, und eine Gemeinempfindung, welche jede Wahrnehmung einer einzelnen Person sofort allen übrigen mitteilt."[1, Seite 40 bis 43] Das Zitat hier ist aus philosophischer Sicht besonders bemerkenswert. Läuft die Kommunikation zwischen den Einzel-Medusen und dem Zentralwillen nur über materielle Apparate oder unterstellt Haeckel hier eine direkte geistige Mitteilung ohne materielles Medium[7]? Dieses Problem bezeichnet man in der Philosophie auch als Kombinationsproblem ↗

Die Medusenseele als Metapher der Staatseele


"Die wichtigste Lehre, welche wir aus der aufmerksamen Beobachtung dieser merkwüridgen Siphonophorenstücke für unsere Seelenfrage gewinnen, ist jedenfalls die bedeutungsvolle Überzeugung, daß die einheitliche Seele eines scheinbar einfachen Tieres in Wirklichkeit aus zahlreichen verschiedenen Seelen zusammengesetzt sein kann. […] Unbefangene Zergliederung und Beobachtung der Entwickelung überzeugt uns aber leicht, daß die anscheinend einfache Seele hier in Wahrheit nur die Summe der verbundenen Einzelseelen ist. So befremdend diese Tatsache zunächst erscheint, so finden wir etwas Ähnliches doch bei allen sozialen Tieren, und also auch beim Menschen, wieder. Sprechen wir nicht von einem Volksgeist, von einem Staatsgefühl, von einem Nationalwillen? Und sehen wir nicht an tausend Beispielen der Geschichte, wie diese Volksseele, dieser Nationalgeist ebenso einheitlich empfindet und denkt, will und handelt, wie ein einzelner Mensch? Wie ein Mann erhebt sich unter dem Drucke eines grausamen Despoten das ganze Volk und stürzt den Tyrannentrhon in Trümmer; wie ein Mann empfindet eine gekränkte Nation die schmachvolle Verletzung ihrer Ehre und rächt sich an dem Beleidiger. Wenn vor 144 Jahren die unwiderstehtliche Flut der Völkerwanderung ganz Europa überschwemmte, wenn ebenso unbezwinglich 1848 alle Nationen Europas neue und freie Bahnen für ihre politische Entwickelung sich eroberten, so tritt uns in diesen welthistorischen Momenten die einheitliche Macht der Idee, d. h. einer bestimmten Form der Vorstellung des Willens, in ihrer ganzen Größe entgegen. Und doch ist diese scheinbare Einheit der Idee in Wirklichkeit die Summe vieler tausend Einzelideen, die in den einzelnen Seelen aller Staatsbürger - oder doch der überwiegenden Mehrheit - sich in einer gleichen Richtung gleichstrebend bewegen."[1, Seite 43 und 45]

Wieder lässt Haeckel offen, wie aus der Menge der einzelnen Willen ein zentraler Wille entsteht. Verbindet sich das Geistartig-Seelische direkt zu einer höheren Form? Oder geschieht die Verbindung nur über die Vermittlung der materiellen Körperregungen? Und ist das Übewesen nur die arithmetische Summe der Einzelregungen oder kommt ihm etwas qualitativ Neues zu? Wenn es bloß eine arithmetische Summe ist, müssen dan bereits die Zellen eines Körpers die Seelenregung für Wehmut besitzen? Oder entsteht Wehmut erst auf höherer Ebene? Siehe dazu auch Emergenz ↗

Auch Einzeller haben ein Seelenleben und Charakter


Als Protisten bezeichnet Haeckel einzellige Lebewesen im Grenzbereich von Pflanzen und Tieren, zum Beispiel auch Amöben. Über solche Protisten schrieb Haeckel:

"Die große Mehrzahl dieser Protisten bleibt zeitlebens auf der Formstufe einer einzigen einfachen Zelle stehen, und dennoch besitzt diese Zelle unstreitig sowohl Empfindung wie willkürliche Bewegung. Bei den lebhaften Wimpertierchen äußern sich diese Seelentätigkeiten sogar in so auffallendem Maße, daß der berühmte Infusiorenforscher Ehrenberg mit der größten Bestimmtheit unerschütterlich behauptete, auch hier müßten Nerven und Muskeln, Gehirn und Sinnesorgane vorhanden sein. Und dennoch fehlt davon tatsächlich jede Spur. […] Und wenn wir nun sogar uns überzeugen, daß es schon bei diesen einzelligen Infusionstierchen sehr verschiedene Charaktere und Temperamente, kluge und törichte, starke und schwache, lebhafte und stumpfe, lichtfreundliche und lichtscheue Individuen gibt, so können wir uns die zahlreichen Abstufungen im Seelenleben dieser kleinen Geschöpfe in ihrem Protoplasmaleibe erklären."[1, Seite 47] Siehe auch Protist ↗

Auch Pflanzen haben eine Seeletätigkeit


An vielen Beispielen hat Haeckel Analogien zwischen den beobachtbaren Regungen von Menschen und Tieren, bis hinunter zu Einzellern aufgezeigt. Aus diesen ähnlichen Regungen der Körper, und aus einem oft ähnlichen inneren Aufbau (vor allem Arbeitsteilung) schließt Haeckel von der Seelenregung beim Menschen auf Seelenregungen auch bei Tieren. Konsequent schließt er auch die Pflanzen in seine Argumentation mit ein:

"Seelentätigkeit im weiteren Sinne ist also eine allgemeien Eigenschaft aller organischen Zellen. Wenn das aber der Fall ist, dann können wir auch den Pflanzen ein Seelenleben nicht ganz absprechen. Denn auch die niedersten Pflanzen sind einfache Zellen, und bei allen höheren Pflanzen besteht der Leib, wie bei den höheren Tieren aus zahllosen einzelnen Zellen. Nur ist bei letzteren die Arbietseilung der Zellen und die Zentralisation des Staates viel weiter gediehen wie bei ersteren. Die Staatsform des Tierkörpers ist die Zellenmonarchie, diejenige des Pflanzenkörpers die Zellenrepublik."[1, Seite 49]

Plastidule als Seelenatom im Protoplasma


Haeckel beschreibt wie das Material der Einzeller, das Protoplasma Fähigkeit hat auf verschiedene Reize zu reagieren. Daraus schließt er auf Grundbausteine des beseelten Protoplasmas und nennt diese Plastidule:

"Aufgrund dieser Einheit des beseelten Protoplasma ist die Hypothese gestattet daß die letzten Faktoren des Seelenlebens die Plastidule sind, die unsichtbaren, gleichartigen Elementarteilchen oder Moleküle des Protoplasma, welche in unendlicher Mannigfaltigkeit alle die zahllosen verschiedenen Zellen zusammensetzen[1, Seite 50]." Siehe auch Plastidule ↗

Wider den Mechanismus als Weltanschauung


"Kein Vorwurf wird der heutigen Naturwissenschaft häufiger gemacht […] als derjenige, daß sie die lebendige Natur zu einem seelenlosen Mechanismus herabwürdige, alle Ideale aus der realen Welt verbanne und die ganze Poesie zerstöre. Wir glauben, daß unsere vorurteilsfreie, vergleichende und genetische Betrachtung des Seelenlebens jenen irrtümlichen Vorwurf entkräftet. Dann nach unserer einheitlichen oder monistischen Naturauffassung ist gerade umgekehrt alle lebendige Materie beseelt, und die wundervollste aller Naturerscheinungen, die wir herkömmlich nur mit dem einen Worte 'Geist' oder 'Seele' bezeichnen, ist eine ganz allgemeine Eigenschaft des Lebendigen. Weit entfernt, an eine rohe und seelenlose Materie zu glauben wie unsere Gegner, müssen wir vielmehr in aller lebendigen Materie, in allem Protoplasa, die ersten Elemente alles Seelenlebens annehmen: die einfache Empfingsform der Lust und Unlust […]"[1, Seite 50 und 51] Siehe auch Mechanismus ↗

Die Poesie der Naturbetrachtung


Haeckel schließt seine Betrachtung mit einer Beschreibung des poetischen in der Natur: "Freilich fehlen uns heute die Nymphen und Najaden, die Dryaden und Oreaden, mit denen die alten Griechen Quellen und Flüsse belebten, Wälder und Berge bevölkerten; sie sind mit den Göttern des Olympos längst verschwunden. Aber an die Stelle dieser menschenähnlichen Halbgötter treten die zahllosen Elementargeister der Zellen. Und wenn irgendeine Vorstellung im höchsten Grade poetisch und wahr zugleich ist, so ist es sicher die klare Erkenntnis: daß in dem kleinsten Würmchen und in dem unscheinbarsten Blümchen Tausende von selbständigen zarten Seelen leben; daß in jedem einzelligen mikroskopischem Infusorium ebenso eine besondere Seele tätig ist wie in den Blutzellen, die rastlos in unserem Blute kreisen, in den Hirnzellen, die sich zur höchsten aller Seelenleistungen, zum klaren Bewußtsein, erheben. Von diesem Gesichtspunkte aus sehen wir in der Lehre von der Zellseele den wichtigsten Fortschritt zur Versöhnung der idealen und realen Naturbetrachtung, der alten und neuen Weltanschauung."[1, Seite 51]

Haeckels Ansatz in der heutigen Zeit


Mit diesen Worten endet das kleine Büchlein Haeckels. Sein Ansatz war es, aus Ähnlichkeiten, aus Analogien zwischen dem Aufbau menschlicher Körper (Nervenzellen, Muskelzellen, Zentralisation, Arbeitsteilung) übe die Annahme einer graduellen, das heißt bruchlosen Entwicklung über die Naturgeschichte auf die Seelenregung von Tieren, Pflanzen und Einzellern zu schließen. Auch weit über 100 Jahre später, im 21ten Jahrhundert, steht Forschern kein anderes Mittel zur Verfügung, als solche Analogiebetrachtungen. Es gibt kein direktes Messgerät, um etwa Bewusstsein zu messen. Philosophisch wirft bereits die Definition von Materie, Seele, Geist oder Bewusstsein ernsthafte Probleme auf. Siehe mehr zur moderneren Forschung im Artikel zum Geist-Materie-Problem ↗

Fußnoten