Unvorstellbarkeit der Utopie


Denkgrenze


Einführung


Bisher ist es keiner Religion und keinem einzenen Autor gelungen, einen Ort oder Zustand zu beschreiben, in den man sich freiwillig dauerhaft begeben. Weder das christliche, islamische noch das antike Paradies können überzeugen. Ewiges Glück ist nur denkbar als Abwesenheit von Leid.

Politischer Hintergrund


Der englische Autor George Orwell wirkte etwa von 1927 bis zu seinem Tod 1950. Zentrale Themen seines Denkens waren die Freiheit und Eigenständigkeit des Denkens, das professionelle Manipulieren von Gedanken sowie die tagesaktuellen Geschehnisse in der Politik, hier vor allem der kontinentaleuropäische Totalitarismus sowie der zweite Weltkrieg. Seine politische Position war demokratisch-sozialistisch. Reaktionär-konservative Politiker, so Orwell, würden sozialistische Ideal immer wieder damit herabwürdigen, dass jede Vorstellung eines dauerhaft utopischen Zustandes undenkar bis weltfremd oder verschroben wirken. Mit diesem Vorwurf setzte sich Orwell in einem längeren Essay aus dem Jahr 1943 ausführlich auseinander [1].

Die Utopie ist undenkbar


Orwell beginnt mit einer Szene aus der weltberühmten Weihnachtsgeschichte (Christmas Carol) von Charles Dickens: eine arme Familie mit Kindern feiert Weihnachten. Weihnachten ist die einzige Zeit des Jahres, in dem die Familie genug zu essen hat. Die Mitglieder der Familie genießen jede Sekunde und haben Freude aneinander. Diese Szene von Charles Dickens, so Orwell, sei einer der bestmöglichen Darstellungen von Glück. Aber sie tauge nicht als Vorlage für ein Paradies: man kann sich schlecht einen Ort vorstellen, an dem ewige Essensfreuden und Familienglück herrschen und in dem man gerne freiwillig einziehen möchte. Aber genau so reduziert auf ewige Sinnesfreuden sind seien die religiösen Vorstellungen eines Paradieses: für islamische Männer ein ewiges Harem, für Christen Gesang und Paläste aus Edelsteinen, für die Germanen ein endloses Biergelage. Orwell zitiert Beispiele aus der Literatur, in denen zwar überzeugend realistisch eine Hölle gezeichnet wurde, kann aber nach eigenen Worten keine wirklich verlockende Schilderung eines Ortes ewigen Glückes finden. Glück ist immer nur das Fehlen von Leid und damit komplementär als Teil eines Dualismus aufzufassen. Die Utopie als Ort ewigen Glückes ist eine Aporie [2] und damit als politisches Ziel durch Gegner leicht ins Lächerliche gezogen.

Die Lösung: optimieren


Für Sozialisten besteht das politische Ziel, so Orwell, nicht darin eine perfekte Welt, einen Ort ewigen Glückes anzustreben. Ein Sozialist muss nicht an eine perfekte Welt glauben, es genügt wenn er an eine bessere Welt glaubt. Das politische Ziel eines Sozialisten muss es nicht sein, den paradiesischen Endzustand der Menschheit zu liefern. Es genügt, wenn er an der Verbesserung der gegenwärtigen Zustände arbeitet. Und Verbesserung heißt für Orwell vor allem, dass es keine gegenseitige wirtschaftliche Ausbeutung gibt. Wer tiefer in das politische Denken Orwells einsteigen möchte sollte die gesammelten Essays [1] lesen.

Quellen


◦ [1] George Orwell: Can Socialists be Happy? In: George Orwell. Essays. Everyman Library. 242. Herausgegeben von Alfred A. Knopf. 2002. ISBN: 978-1-85715-242-5. Seite 503-510
◦ [2] Stanislaw Lem: Blick vom anderen Ufer. Europäische Science-fiction. Herausgegeben und mit Einleitung von Franz Rottensteiner. Phantastische Bibliothek Band 4. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 1977. ISBN 13: 9783518068595 => Felizitologie