Felizitologie
Satire
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- 2025
Definition|
Hintergrund|
Beispiele|
Altruizin|
Felix Contemplator Vitae|
Die Utopie als Aporie|
Fußnoten
Definition
Die Felizitologie ist ein fiktiver Wissenschaftszweig, die Lehre von der Glückseligkeit: die Idee einer Felizitologie diente dem polnischen Science-Fiction Autor Stanislaw Lem als erzählerischer Rahmen zu skurril-ironischen Spekulationen über die Unmöglichkeit, das menschliche Glück zu planen. [1]
Hintergrund
Der Pole Stanislaw Lem hatte seine produktivste Schaffensphase vor allem in den 1960er, 70er und 80er Jahren. Ein Grundmotiv vieler seiner Schriften ist die Vergeblichkeit aller Versuche, eine perfekte Welt aufzubauen. Lem spielte solche Versuche durch und trieb sie voran bis zur absurden Konsequenz. Er karikierte damit auch die Politik seines Heimatlandes Polen, das damals offiziell sozialistisch war und als Staatsziel das Glück für alle Menschen planen wollte (Planwirtschaft). Siehe auch 👉 Sozialismus
Beispiele
Altruizin
Um alle menschlichen glücklich zu machen, entwickelte man das sogenannte Altruizin (externer Link) [1, ab Seite 267]: ein Stoff zum Einnehmen, der alle Menschen empathisch, also mitfühlsam für das Leid anderer Menschen mache. Die Urheber der Idee schlossen, dass sich alle Menschen nur noch um ihr gegenseitiges Wohl kümmern würden, wenn sie denn alle Altruizin genommen hätten. Nach einem versehentlichen Praxistests konnte man jedoch das Gegenteil beobachten: eine aufgebrachte Menschenmenge schlug auf einen wehrlosen Mann ein. Er hatte Zahnweh und die Menschenmenge schloss korrekt: wenn man ihn tot oder bewusstlos schlägt, dann empfindet man auch selbst die Zahnweh dieses Menschen nicht. Lems produktiv-philosophische Phantasie ersann vieler solcher Geschichten, die in der Felizitologie verdichtet zusammengestellt sind.
Felix Contemplator Vitae
Der optimistisch veranlagte und sehr von sich überzeugte Ingenieur Trurl baut ein maschinelles Lebewesen, das beim Anblick einer jeden Sachen stets nur in Verzückung gerät. Trurl nennt sein elektronisches Wesen den Felix Contemplator Vitae, auf Deutsch etwa Glückseliger Beobachter des Lebens. [1, Seite 309]
ZITAT:
"…es gab nichts in der Welt, was sie nicht helle Freude versetzt hätte […] ob sein Blick auf den Gartenzaun, einen Felsblock oder einen alten Schuh fiel, war völlig gleich gleichgültig, es geriet jedesmal in maßloßes Entzücken und stöhnte vor Wonne."
"…es gab nichts in der Welt, was sie nicht helle Freude versetzt hätte […] ob sein Blick auf den Gartenzaun, einen Felsblock oder einen alten Schuh fiel, war völlig gleich gleichgültig, es geriet jedesmal in maßloßes Entzücken und stöhnte vor Wonne."
Was soll falsch sein am Dauerglück?
Die Utopie als Aporie
Lem behandelte in der Felizitologie eine Aporie: man kann sich realistische Höllen oder schlecht eingerichtete Welten vorstellen. Es scheint aber unmöglich zu sein, sich einen dauerhaft und perfekt gut eingerichteten Ort vorzustellen. Lems Hauptheld der Felizotologie, der tragisch bis pathetische Konstrukteur Trurl, testet stellvertretend für die Geschichte der Menschheit alle möglichen best eingerichteten Welten aus. Doch jedes Mal endet die Sache in einem Desaster oder in unlösbaren Widersprüchen, sprich in der Aporie (Sackgasse). Die Idee, dass eine perfekte Welt jenseits unserer geisten Vorstellungskraft liegen könnte beschäftigte auch eine Reihe anderer Autoren. Siehe mehr dazu im Artikel zur 👉 Unvorstellbarkeit der Utopie
Fußnoten
- [1] Stanislaw Lem: Kyberiarde. Insel Verlag. Frankfurt am Main. 183. Polnisches Original: Cyberadia. 1965. Die Übersetzung ins Deutsche wurde vom Autor authorisiert. Das Kapitel zur Felizotologie ist: Experminta Felicitologica. Die Seiten 299 bis 365.