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Das Banner der Rhetos-Website: zwei griechische Denker betrachten ein physikalisches Universum um sie herum.

Felizitologie

Satire

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Definition


Die Felizitologie ist ein fiktiver Wissenschaftszweig, die Lehre von der Glückseligkeit: die Idee einer Felizitologie diente dem polnischen Science-Fiction Autor Stanislaw Lem als erzählerischer Rahmen zu skurril-ironischen Spekulationen über die Unmöglichkeit, das menschliche Glück zu planen. [1]



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Links sieht man Felizitologen bei der Arbeit: die Partei SED erhob für sich den Anspruch, das Glück der Einwohner der DDR optimal organisieren zu können. Rechts der Felix Contemplator Vitae des polnischen Schriftstellers Stanislaw Lem als Satire auf die Planbarkeit des Glücks. © Unbekannter Autor Gunter Heim/KI ☛


Hintergrund


Der Pole Stanislaw Lem hatte seine produktivste Schaffensphase vor allem in den 1960er, 70er und 80er Jahren. Ein Grundmotiv vieler seiner Schriften ist die Vergeblichkeit aller Versuche, eine perfekte Welt aufzubauen. Lem spielte solche Versuche durch und trieb sie voran bis zur absurden Konsequenz. Er karikierte damit auch die Politik seines Heimatlandes Polen, das damals offiziell sozialistisch war und als Staatsziel das Glück für alle Menschen planen wollte (Planwirtschaft). Siehe auch 👉 Sozialismus

Beispiele


Altruizin


Um alle menschlichen glücklich zu machen, entwickelte man das sogenannte Altruizin (externer Link) [1, ab Seite 267]: ein Stoff zum Einnehmen, der alle Menschen empathisch, also mitfühlsam für das Leid anderer Menschen mache. Die Urheber der Idee schlossen, dass sich alle Menschen nur noch um ihr gegenseitiges Wohl kümmern würden, wenn sie denn alle Altruizin genommen hätten. Nach einem versehentlichen Praxistests konnte man jedoch das Gegenteil beobachten: eine aufgebrachte Menschenmenge schlug auf einen wehrlosen Mann ein. Er hatte Zahnweh und die Menschenmenge schloss korrekt: wenn man ihn tot oder bewusstlos schlägt, dann empfindet man auch selbst die Zahnweh dieses Menschen nicht. Lems produktiv-philosophische Phantasie ersann vieler solcher Geschichten, die in der Felizitologie verdichtet zusammengestellt sind.


Felix Contemplator Vitae


Der optimistisch veranlagte und sehr von sich überzeugte Ingenieur Trurl baut ein maschinelles Lebewesen, das beim Anblick einer jeden Sachen stets nur in Verzückung gerät. Trurl nennt sein elektronisches Wesen den Felix Contemplator Vitae, auf Deutsch etwa Glückseliger Beobachter des Lebens.  [1, Seite 309]


ZITAT:

"…es gab nichts in der Welt, was sie nicht helle Freude versetzt hätte […] ob sein Blick auf den Gartenzaun, einen Felsblock oder einen alten Schuh fiel, war völlig gleich gleichgültig, es geriet jedesmal in maßloßes Entzücken und stöhnte vor Wonne."


Was soll falsch sein am Dauerglück?
Die Maschine des liebenswert selbstherrlichen Ingenieurs Trurl zog tatsächlich aus der "Beobachtung aller Dinge aktiven Lustgewinn". [1, Seite 311] Und darin lag ihr Versagen. Den Fehler im Design entlarvte Trurls Freund Klapauzius, ein ewig skeptisch und bodenständiger Quälgeist Trurls. Klapauzius wollte nämlich wissen, ob Trurls Contemplator auch in folgender Situation Glück empfände: "Ein Mann ist dreihundert Stunden lang geschlagen worden." Doch dann "gelingt es ihm, den Spieß umzudrehen, und er schlägt seinem Peiniger den Schädel ein." Trurl erkennt sofort den fundamentalen Mangel seiner Maschine und gibt diesen Entwicklungsstrang hin zu einer perfekten Gesellschaft ist "völlig gebrochen".

Die Utopie als Aporie


Lem behandelte in der Felizitologie eine Aporie: man kann sich realistische Höllen oder schlecht eingerichtete Welten vorstellen. Es scheint aber unmöglich zu sein, sich einen dauerhaft und perfekt gut eingerichteten Ort vorzustellen. Lems Hauptheld der Felizotologie, der tragisch bis pathetische Konstrukteur Trurl, testet stellvertretend für die Geschichte der Menschheit alle möglichen best eingerichteten Welten aus. Doch jedes Mal endet die Sache in einem Desaster oder in unlösbaren Widersprüchen, sprich in der Aporie (Sackgasse). Die Idee, dass eine perfekte Welt jenseits unserer geisten Vorstellungskraft liegen könnte beschäftigte auch eine Reihe anderer Autoren. Siehe mehr dazu im Artikel zur 👉 Unvorstellbarkeit der Utopie

Fußnoten


  • [1] Stanislaw Lem: Kyberiarde. Insel Verlag. Frankfurt am Main. 183. Polnisches Original: Cyberadia. 1965. Die Übersetzung ins Deutsche wurde vom Autor authorisiert. Das Kapitel zur Felizotologie ist: Experminta Felicitologica. Die Seiten 299 bis 365.

Ein chemisches Mittel, das Altruizin, soll Menschen zu einem starken Mitgefühl mit dem Leid ihrer Mitmenschen bewegen: wer das Leid anderer Mitmenschen spürt, muss diesen helfen, um selbst wieder frei von Leid zu werden (so die Idee). Bei einem missglückten Praxisversuch schlug die Idee jedoch kontraproduktiv in ihr Gegenteil um: die Menschen erschlugen leidende Mitmenschen, denn auch so entkamen sie dem leidvollen Mitgefühl. Die Vergeblichkeit menschicher Glückssysteme war ein Kernthema von Stanislaw Lems => Felizitologie">
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