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Das Banner der Rhetos-Website: zwei griechische Denker betrachten ein physikalisches Universum um sie herum.

Polschmelze

Klimawandel

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Basiswissen


Als Polschmelze wird das teilweise oder vollständige Abtauen des arktischen und antarktischen Eisschildes bezeichnet. Würde das gesamte Eis rund um die Pole abtauen, würde das Volumen der Ozeane um etwa 2,5 % zunehmen [10] und der Meeresspiegel um gut 65 Meter ansteigen. [11] Ähnlich wie das Wort Kernschmelze für Unfälle mit Kernreaktoren eine unumkehrbare Dramatik mitschwingen lässt, haftet auch dem Wort Polschmelze etwas Endgültiges an.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Links sieht man im Stil eines Kinderatlas wo die großen Mengen an Eis gebunden sind: oben auf Gröndland und vor allem unten, im Süden, auf dem Kontinent Antarktika. Rechts sieht man, wie Tauwasser auf Grönland schachtförmige Röhren herabstürzt. Das Tauen führt zu gewaltigen Wasserbewegungen auf den Eismassen. © Halorache ☛


Größenordnung


Die Eismasse der Antarktis wird auf rund 30 Millionen Gigatonnen geschätzt, die von Grönland auf etwa 2,9 Millionen Gigatonnen. [10] Die Eismassen von Gletschern in Gebirgen außerhalb der Polarregion spielen beim Meeresspiegelanstieg kaum eine Rolle. Die Eismassen würden bei einem vollständigen Abauten den Meeresspiegel um fast 70 Meter anheben.

Relativ


Relativ zum bisherigen Volumen des Ozean von etwa 1,33 Milliarden Kubikkilometern und der jetzigen durchschnittlichen Tiefe der Ozean von etwa 5000 Metern nehmen sich Zuwächse eher gering aus. Zu den 1,33 Milliarden Kubikkilometern Volumen kämen noch einmal 33 Millionen Kubikkilometer durch die Polschmelze dazu. Das sind gerade einmal grob 2,5 %. Und der Höhenzuwachs fällt relativ gesehen mit etwa nur 1,3 noch geringer aus:

  • Totale Polschmelze: etwa 2,5 % mehr Ozeanvolumen
  • Totale Polschmelze: etwa 1,3 % mehr Ozeantiefe

Wer nun die Folgen einer Polschmelze in ihrer Dramatik entschärfen möchte, könnte dazu diese relativen Zahlen verwenden. Die meisten Menschen würden so kleine Prozentanteile als eher undramatisch empfinden. Die Dramatik entfaltet sich erst mit der Betrachtung der absoluten Werte.

Absolut


Eine totale Polschmelze würde zu einem Anstieg des durchschnittlichen Meeresspiegels von etwa über 65 Metern führen. [11] Um sich den Effekt deutlich zu machen, kann man sich Landkarten betrachten mit Höhenangaben, sogenannte topographische Karten, betrachten. Ohne effektiven Küstenschutz wären dann alle Landstriche die weniger als 70 Meter oberhalb des jetzigen Meeresspiegel liegen überflutet. Für Deutschland wären dazu unter anderem die folgenden Gegenden und Städte:

Untergegangen: Emden, Papenburg, ganz Ostfriesland, Wilhelmshaven, Bremerhaven, Bremen, Hamburg, das Alte Land, Rostock, Wismar, Stralsund, Kiel, Husum, die ost- und die nordfriesischen Inseln, Oldenburg, Venlo, Düsseldorf, Köln, Hannover, Magdeburg, Potsdam, Teile von Berlin und viele weitere Gebiete.

Als neue sichere Küstenlinie könnte man Städte auffassen, die jetzt etwa 65 bis 70 Meter oberhalb des gegenwärtigen Meeresspiegels liegen und in ihrer Nähe tiefer gelegene Gebiete haben. Die entsprechenden Städte lägen selbst auf sicherer Höhe, aber die eigentliche Küste wäre nur wenige Kilometer entfernt:

Neue Küstenstädte, von Westen her von Geilenkirchen über Bonn, Essen, Hamm, Ibbenbüren, Bad Essen, Stadthagen, Laatzen, Peine, Wolfsburg, Bitterfeld, Wittenberg, Jüterbog bis Eisenhüttenstadt ganz im Osten

Verbindet man auf einer Landkarte diese Städte, gewinnt man einen groben Eindruck davon, welche Städte nach einer totalen Polschmelze küstenah bis Hafenstädte sein könnten. Durch große Niederungen und Flüsse verläuft die exakte 66-Meter-Höhenlinie alles andere als Gerade durch Deutschland. Aber die Stadtnamen geben ganz gut das Ausmaß des Meeresspiegelanstiegs wieder.

Antarktis: schwierige Einschätzung


  • 1979 bis 1990: etwa 40 Gigatonnen durchschnittlicher Eisverlust pro Jahr [3]
  • 1989 bis 2000: etwa 50 Gigatonnen durchschnittlicher Eisverlust pro Jahr [3]
  • 1999 bis 2009: etwa 166 Gigatonnen durchschnittlicher Eisverlust pro Jahr [3]
  • 2009 bis 2017: etwa 252 Gigatonnen durchschnittlicher Eisverlust pro Jahr [3]
  • Ab 2017 nahm der jährliche Eisverlust jedoch wieder deutlich ab [9]
  • 2021 bis 2021 Zunahme von etwa 130 Gigatonnen pro Jahr. [12]


Seit wann ist das Thema bekannt?


Bereits im Jahr 1896 veröffentlichte ein schwedischer Wissenschaftler Berechnungen zum Einfluss von CO2 in der Atmosphäre auf eiszeitliche Eismassen an den Polen [4]. Der französische Ölkonzern Total sagte um 1971 dann ein teilweises Abtauen der Polkappen voraus [6]. Sehr detailliert gingen ein Bericht des australischen Geheimdienstes aus dem Jahr 1981 [6] sowie der deutschen Kernforschungsanlage Jülich aus dem Jahr 1983 [8] auf das Thema ein. In dem Bericht wurde sogar das Wort „Weltuntergangsgletscher“ (Domesday glacier) verwendet. Siehe auch 👉 Erderwärmung (Zitate)

Bedrohlichkeit


Experten halten die Polschmelze für sehr bedrohlich: der australische Geheimdienst sagte in einem vertraulichen Papier an den australischen Premierminister bereits 1981 sehr treffend voraus: "Speculations that in a century the main Antarctic and Greenland ice caps would completely melt, and thereby cause a 60 m rise in sea levels, can be dismissed as fanciful. However, the West Antarctic ice shield, which is grounded below sea level, is a different matter: a global average temperature increase of 5 °C would probably cause it to disintegrate, and raise sea levels by about 6 m. Not enough is yet known to predict how quickly this might occur, but it is feared that once the process begins it could be irreversible. A rise of 6 m would flood many of the major cities of the world as well as the delta regions of rivers such as the Ganges and Mekong, which support large populations. [6]" Siehe auch 👉 Meeresspiegelanstieg

Teufelskreis


Eine Art Teufelskreis: helles Eis reflektiert einfallendes Sonnenlicht sehr gut. Ein großer Teil des Lichts geht so wieder in den Weltraum zurück. Dunklere Flächen, etwa flüssiges Meereswasser, nehmen die einfallende Strahlung sehr viel besser auf, wodurch sie letztendlich wärmer werden. Taut nun an einem der Pole Eis, wird dadurch weniger Licht - und somit auch weniger Wärmenergie - in den Weltraum zurückreflektiert. Dadurch wird mehr Wärme aufgenommen, wodurch wieder mehr Eis abtauen wird. Wird ein solcher Teufelskreis nicht durch gegenläufige Mechanismen eingedämmt, wird es zu einer Selbstbeschleunigung der Polschmelze kommen. Der Moment in dem so etwas passiert heißt auch Kipppunkt, Kippelement oder auf Englisch tipping point. Siehe auch 👉 Kippelemente im Erdklimasystem

Reaktionen


Erste flache Inselstaaten, wie etwa Tuvalu im Pazifik, planen eine vollständige Umsiedlung ihrer Bevölkerung. Teile des bedrohten Staatsgebietes sollen zumindest virtuell im Metaverse erhalten bleiben. Die Niederlande hingegen erwägen den Bau gigantischer Schutzwälle 25 Kilometer von der heutigen Küste entfernt. Doch bieten auch solche großtechnischen Projekte nur Schutz gegen die ersten 5 bis 10 Meter Meeresspiegelanstieg. Danach müssen auch Länder wie die Niederlande, Deutschland, England oder Polen weite Siedlungsgebiete aufgeben. Zum Niederländischen Schutzkonzept siehe den Artikel zum 👉 Haak-Seedeich

Als Transgression


Als Transgression bezeichnet man in der Geologie ein großflächiges Vordringen des Meeres auf das Festland. Die Ursache dafür kann sowohl ein Absinken großer Festlandsbereiche sein (etwa Norddeutschland) als auch ein Anstieg des Meeresspiegels. Die letzte Große Transgression fand nach dem Abtauen großer Eismassen vor etwa 12 Tausend Jahren statt. Dabei ging ein riesiges, besiedeltes Gebiet, das sogenannte Doggerland verloren, das heute auf dem Boden der Nordsee liegt. Lies mehr unter 👉 Transgression

Fußnoten


  • [3] Eric Rignot et. al: "Four decades of Antarctic Ice Sheet mass balance from 1979–2017". Proceedings of the National Academy of Sciences. 2019. 116 (4): 1095–1103. doi:10.1073/pnas.1812883116. ISSN 0027-8424. PMC 6347714. PMID 30642972.
  • [5] In: Total Energies accused of downplaying climate risks. By Beth Timmins. Business reporter, BBC New. Online. October 20th, 2021
  • [6] ONA: Assessment. Fossil Fuels and the Greenhouse Effect. Vertrauliche Information an den australischen Premierminister, verfasst vom australischen Geheimdienst im Jahr 1981. 18 Seiten. In: The Guardian. Australia’s spy agency predicted the climate crisis 40 years ago – and fretted about coal exports. Online. 28. November 2021.
  • [8] Kernforschungsanlage Jülich. Institut für Chemie 3: Atmosphärische Chemie. Studie über die Auswirkungen von Kohlendioxidemissionen auf das Klima. November 1983. ISSN 0366 -0885. 165 Seiten.
  • [9] Isabella Velicogna et al.: Continuity of Ice Sheet Mass Loss in Greenland and Antarctica From the GRACE and GRACE Follow-On Missions. In: Geophysical Research Letters. Volume47, Issue 8. 28 April 2020. https://doi.org/10.1029/2020GL087291
  • [10] Etwa 33 Millionen Kubikkilometer sind als polares Festlandseis gebunden: "The Antarctic Ice Sheet extends almost 14 million square kilometers (5.4 million square miles), roughly the area of the contiguous United States and Mexico combined. It also contains about 30 million cubic kilometers (7.2 million cubic miles) of ice." Und: "The Greenland Ice Sheet contains about 2.9 million cubic kilometers (0.7 million cubic miles) of ice." In: National Snow and Ice Data Center (NSIDC). „Ice Sheets: Quick Facts – What is an ice sheet?“ Abgerufen am 19. Dezember 2025. Online: https://nsidc.org/learn/parts-cryosphere/ice-sheets/ice-sheet-quick-facts
  • [11] "If the entire Antarctic Ice Sheet melted, sea level would rise about 58 meters" Und: "If the entire Greenland Ice Sheet melted, sea level would rise about 7.4 meters". In: National Snow and Ice Data Center (NSIDC). „Ice Sheets: Quick Facts – What is an ice sheet?“ Abgerufen am 19. Dezember 2025. Online: https://nsidc.org/learn/parts-cryosphere/ice-sheets/ice-sheet-quick-facts
  • [12] Zuwachs seit 2021: "The results show that the continuous mass loss in the AIS between 2003 and 2020 was 141.8 ± 55.6 Gt/yr. However, the AIS showed a record-breaking mass gain of 129.7 ± 69.6 Gt/yr between 2021 and 2022." In: Wang, Wei & Shen, Yunzhong & Chen, Qiujie & Wang, Fengwei. (2023). Unprecedented mass gain over the Antarctic ice sheet between 2021 and 2022 caused by large precipitation anomalies. Environmental Research Letters. 18. 10.1088/1748-9326/ad0863. Online:

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