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Religion


Naturwissenschaftlich


Basiswissen


Von unversöhnlicher Widersprüchlichkeit bis zur gegenseitigen Ergänzung: Religion und Naturwissenschaft werden sehr unterschiedlich in ihrem gegenseitigen Bezug gesehen. Entscheidend ist, wie man die Worte definiert.

Was ist Religion?


Gott oder Götter, rituelle Handlungen, das Heilige, ein ewiges Leben oder beseelte Natur: Religion als Begriff beinhaltet verschiedenste Erscheinungsformen. Das Wort lässt zunächst viele Bedeutungen offen, die Präzisierung im Sinne einer Definition wird dann immer hin auf ein konkrete Fragestellung oder Sichtweise vorgenommen.

Religion als empirische Tatsache


Eine empirische Definition von Religion stellt zunächst verschiedenste Erscheinungsformen des Religiösen zusammen und sucht dann nach einem verbindenden Element. Ein Beispiel für diesen Zugang ist ein Buch des Psychologen William James[1]: Er beschrieb Visionen der Heiligen (Jeanne d'Arc) über psychische Ausnahmezustände bis hin zu den Schilderungen der großen Weltreligionen. Als gemeinsam verbindendes Element des Religiösen machte er den Glauben an eine gut eingerichtete Welt aus. Siehe auch unter => Die Vielfalt religiöser Erfahrung

Religion als Irrationales


Nicht rational greifbare oder definierbare Gefühlslagen bis hin zu mystischen Erlebnissen spielen etwa für den Theologen Rudolf Otto eine grundlegende Rolle für Religiosität[3]. Religion verweist auf eine die Welt erschaffende oder die Welt gestaltende Kraft und entzieht sich jeder rationalen Fassbarkeit. Das Irrationale ist damit wesentlicher Bestandteil des Religiösen, aber noch keine hinreichende Bedingung. Hinzutreten müssen noch Aspekte von Sinnstiftung und gegebenfalls Personalität (Gott). Siehe zum Beispiel => Numinos

Religion als Jenseitigkeit


Der englische Intellektuelle Aldous Huxley verglich Religionen verschiedener Epochen und Regionen [3]. Persönlich erlebte er Religiosität vor allem als ein Gefühl von Über- oder Anderweltlichkeit: psychische Zustände die unsere Alltagserfahrung als irreal erscheinen lassen und eine gänzlich andere Wirklichkeit als tatsächlich real erfahrbar machen [4]. Bewusstsein beschrieb er dabei als eine Art Drosselventil (reducing valve), das die Wahrnehmung eines kosmischen Ganzen reduziert auf das im Alltag Nötige.

Religion als Seinssphäre


Die mittelalterliche Tradition trennte eine irdische von einer himmlischen Daseinssphäre. Das Irdische war die Bühne für den Menschen. Sublunar - unter der Umlaufbahn des Mondes - lag die Erde. Darüber folgten die zunehmend näher an Gott heranreichenden himmlischen Sphären. Indem Isaac Newton mit seinen Axiomen zeigte, dass für die himmlischen Sphären die gleichen Gesetze gelten wie für einen Stein auf der Erde förderte er bereits bestehende Zweifel an dieser Sicht.

Religion als Evolutionsvorteil


Religion bietet einen Vorteil in der Evolution und verbreitet sich über darwinistische Mechanismen damit von alleine: auf diese Formel kann man biologistische oder darwinistische Erklärungen von Religion bringen[5]. Ein Beispiel wird von dem israelischen Autoren Hariri beschrieben: wer sich unbeobachtet fühlt, neigt zu Diebstahl, Betrug oder Gewalt. Der Glaube an einen alles-Sehenden Gott aber kann wirksam auch unbeobachtetes Verhalten beeinflussen und damit grundlegende Handlungsmuster für größere Staaten und Gesellschaften hervorbringen[7]. Gesellschaften mit Religion können damit Evolutionsvorteile gegenüber anderen Gesellschaften erlangen. Siehe auch => Ägyptisches Jenseits

Religion als naturwissenschaftlich Unerklärbares


Im Menschen sind Wünsche, Sehnsüchte und Heilsstrebungen angelegt, deren Erfüllung sich nicht mit den beobachteten Tatsachen und Regeln der Welt vereinbaren lassen: Die Vergänglichkeit als unausweichliches Ende, ein fehlendes Gefühl von Geborgenheit und Angenommenheit oder unbefriedigte Sinnerlebnisse - Religion formuliert solche Sehnsüchte in oft gefühlsbetonter Symbolsprache und gibt ihnen eine Ort der Berechtigung. Religion geht damit über das sinnlich fassbare unserere Welt hinaus, transzendiert sie. Die methodische Selbstbeschränkung auf das sinnlich Fassbare hingegen ist gerade das, was die modernen Naturwissenschaften auszeichnet. Religion und Naturwissenschaft können damit in verschiedene Beziehungen zueinander treten.

Naturwissenschaft und Religion als Gegensätze


Wo die Naturwissenschaft sich selbst verleugnet und die Welt für vollständig naturwissenschaftlich erklärbar hält, tritt sie in Widerspruch zur Religion. Naturwissenschaft verleugnet sich selbt, wo sie Aussagen formuliert, die empirisch nicht überprüfbar sind. Was die Ursache unserer Welt ist, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, ob es einen jenseitigen Gott gibt: diese Dinge sind naturwissenschaftlich nicht überprüfbar, zu ihnen muss die Naturwissenschaft als Erkenntnismethode schweigen. Eine Zuspitzung erhält der Widerspruch, wo die Naturwissenschaft Abläufe in der Welt immer zuverlässiger vorhersagen kann: wo sich Geschehnisse ganz durch Formeln voraussagen lassen, erscheint wenig Spielraum für das Wirken freier Willen oder göttlicher Wesen und es entsteht ein Spannungsfeld.

Naturwissenschaft und Religion: Deismus


Die Welt wurde von einem Gott erschaffen und läuft seitdem ohne weitere göttliche Einflussnahme ab: diese Position bezeichnet man als Deismus. Der Deismus lässt einerseits das Göttliche als Urheber der Dinge bestehen, erklärt aber die diesseitige Welt zum Gegenstand der Naturwissenschaften. In strenger Konsequenz kann sich auch keine göttliche Stimme im Gebet hörbar machen. Mehr unter => Deismus

Naturwissenschaft und Religion: Theismus


Gott hat die Welt geschaffen und er wirkt fortwährend in ihr: diese Position nennt man Theismus. Wo Gott - stellvertretend für übersinnliche Wesen - eine ursächliche Quelle von Handlungen ist, muss das Religiöse gerade dort erkennbar werden, wo die Erklärungskraft der Naturwissenschaft endet. Mehr unter => Theismus

Literatur