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Das Banner der Rhetos-Website: zwei griechische Denker betrachten ein physikalisches Universum um sie herum.

Materialismus

Physikalischer

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Charakterisierung


Der Materialismus ist eine Denkhaltung, die davon ausgeht, dass alle wichtigen Dinge letztendlich durch das Spiel der Materie bestimmt werden. Insbesondere verneint der Materialismus eine besondere Rolle von geistigen oder immateriellen Realitäten. [1] [2] [3] Schon immer war ein Angriffspunkt die Frage, was denn Materie überhaupt sein soll. Diese Frage spitzt sich mit der modernen Quantenphysik weiter zu.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Eine junge Frau bestaunt ein possierlich knabberndes Eichhörnchen. Soll das alles nur ein Spiel der Atome und Moleküle sein? So zumindest sieht es ein naiver Materialismus. © Gunter Heim/Nano Banana ☛


Historische Schlaglichter


Bemerkenswert ist, wie früh der Mensch mit der Frage gerungen hat, ob die Welt denn ganz auf körperliche, materielle Dinge reduziert werden könnte. Dabei bleibt aber meist der Beweggrund für diese Vermutung unklar. Um sich eine Idee davon zu verschaffen, was verschiedene Denker unter Materialismus verstehen, ist es immer ein guter Einstieg, sich Definitionen oder Charakterisierungen aus verschiedenen Zeitepochen und Kulturkreisen anzusehen.

Eine sehr frühe Formulierung materialistischer Positionen findet man im antiken Indien. Der Philosoph Kesakambali hat weitgehend die Existenz von Göttern und geistigen Dingen verneint.


ZITAT:

Ajita Kesakambali (6. Jh. v. Chr.): "Der Mensch besteht aus den vier Elementen; stirbt er, kehrt die Erde zu Erde zurück, das Wasser zu Wasser, das Feuer zu Feuer und die Luft zu Luft". [1]


Man fühlt sich bei diesem Zitat aus längst vergangenen Jahrtausenden an den christlichen Spruch Asche zu Asche und Staub zu Staub erinnert. Im antik griechischen Kulturkreis entstand im 5. Jahrhundert vor Christus der Atomismus. Hier wird in voller philosophischer Klarheit der Materialiasmus ausgesprochen:


ZITAT:

Demokrit (460 bis 370 v. Chr.): "Scheinbar ist Farbe, scheinbar Süßigkeit, scheinbar Bitterkeit: wirklich nur Atome und Leeres." [2]


Was wir in unseren Sinnen wahrnehmen soll nur scheinbar sein. Tatsächlich, so der griechische Denker, gäbe es nur Atome und das Vakuum dazwischen. Diese Position wird sich im Mechanismus der westeuropäischen Naturwissenschaften gut zweitausend Jahre später wiederfinden. Doch bleiben wir weiter in der Antike. Der Atomist Lukrez gibt ein schönes Beispiel, auf welche Weise Denker auch unsichtbare Dinge auf Materie zurückführen:


ZITAT:

Lukrez (99 bis 55 v. Chr.): "Hängst du ferner ein Kleid an dem flutenumbrandeten Strand auf, Feucht wird es dort, doch es trocknet auch wieder in glühender Sonne; Aber man hat nicht gesehn, wie des Wassers Nässe hineinkam In das Gewand, noch andererseits, wie sie floh vor der Hitze. Also muß sich das Naß in winzige Teilchen zerteilen, Die auf keinerlei Weise das Auge zu sehen imstand ist." [3]


Der griechisch-römische Schreiber Plutarch fasst verschiedene Denkströmungen zusammen. Eine größere Gruppe würde man heute als Materialisten bezeichnen:


ZITAT:

Plutarch (45 bis 125 n. Chr): "Denn als seiend bezeichnen sie allein die Körper." [4]


Springen wir vom antiken Rom gut 7000 bis 8000 Kilometer nach Osten, so gelangen wir in das China von Wang Chong. Dort finden wir einen chinesischen Philosophen, der deutlich seine Zweifel an Göttern und überirdischen Mächten zum Ausdruck bringt. Wieder werden die Geschehnisse auf etwas Materielles, hier Flüssigkeiten, zurück geführt:


ZITAT:

Wang Chong (27 bis 97 n. Chr.): "Durch die Verschmelzung der Fluide (Qi) von Himmel und Erde entstehen alle Dinge der Welt spontan, so wie durch die Vermischung der Flüssigkeiten von Mann und Frau Kinder spontan geboren werden. Unter den so entstandenen Dingen sind Lebewesen mit Blut in ihren Adern empfindlich für Hunger und Kälte." [5]


Zurück im römischen Reich, in Nordfrika, und in der Zeit gut ein Jahrhundert weiter bringt der frühchristliche Theologe Tertullian die Position des Materialismus knapp auf den Punkt:


ZITAT:

Tertullian (150 bis 220 n. Chr.): "Denn nichts existiert, wenn es kein Körper ist." [6] Und: "Alles, was ist, ist ein Körper seiner Art; nichts ist unkörperlich, außer dem, was nicht existiert." [7]


Im dritten Jahrhundert nach Christus verfasste der Wissenschaftshistoriker Diogenes Laertios eine Geschichte berühmter Philosophen. Darin findet man wieder die klare Formulierung des Materialismus:


ZITAT:

Diogenes Laertios (3. Jh. n. Chr.): "Denn alles, was wirkt, ist ein Körper." [8] Und: "Für sich genommen ist das Unkörperliche nicht denkbar, außer im Fall des Leeren." [9]


Eine schöne Kritik am Materialismus, die auch heute noch greifen kann, verfasste der christliche Denker Augustinus von Hippo aus Nordafrika:


ZITAT:

"Denn diejenigen, die meinen, der Geist sei körperlich, scheinen nicht irrezuführen, weil ihnen das Wissen über ihn fehlt, sondern weil sie ihm Dinge beifügen, ohne die sie keine Natur denken können. Denn ohne die Vorstellungen von Körpern halten sie alles, was sie beauftragt sind zu denken, für gänzlich nicht existent." [10]


Augustinus nennt als Beweggrund für das materialistische Denken die stillschweigende Gleichsetzung vom Denkbaren mit dem tatsächlich Möglichen. Der Beziehung zwischen unseren Denk- und Vorstellungsfähigkeiten und der Wirklichkeit sollte einige Jahrhunderte weiter in der Zeit der Scholastik unter der Formel "veritas est adaequatio rei et intellectus" - die Wahrheit ist die Übereinstimmung der Sache mit dem Intellekt - diskutiert werden. [24] Noch später, um 18. Jahrhundert widmete sich der preußische Philosoph Immanuel Kant mit seinem "Ding an sich" der Beziehung des Denkbaren zum Realen. [25]

Sehr viel differenzierter - und vielleicht auch moderner? - mutet der Begriff der Materie in der Hochzeit der westeuropäischen Scholastik an. In dem Bemühen, die christliche Theologie mit einer aristotelisch geprägten Philosophie der Antike zu verbinden, beschränkte man die Materie auf die körperlichen Dinge:


ZITAT:

Thomas von Aquin (1255): "Ursprüngliche Materie ist das Substrat aller körperlichen Dinge." [11]


Wesentlich ist hier zweierlei. Das Materielle wird auf die körperlichen Dinge begrenzt, was Freiraum für andere, immaterielle Entitäten (etwa Geist, Seel) lässt. Und mit der Übernahme der aristoteleschen Ideen von Materie und Kausalität war die Materie nicht mehr in ein strikt deterministisches Korsett gezwängt. Wesentliche Stichworte mit Bezügen zur Physik sind hier Entelechie [26] und Potentia [27].

Der folgende Zeitsprung führt uns dann ins 18. Jahrhundert. In der Zwischenzeit hatten Denker wie Francis Bacon, Galileo Galilei, Christian Huygens, Isaac Newton oder auch Leibniz das Fundament für ein durch und durch mathematisiertes und strikt mechanistisch denkbares Weltbild gelegt. Auf diesem Fundament erwuchsen dann die klar in aller Konsequenz ausformulierten materialistischen Weltbilder moderner Prägung.


ZITAT:

Julien Offray de la Mettrie (1748): "Aber wenn nun alle Fähigkeiten der Seele dermaaßen von der eigenthümlichen Organisation des Gehirns und des ganzen Körpers abhängen, dass sie augenscheinlich nur eben diese Organisation selbst sind, so halten wir eine sehr erleuchtete Maschine vor uns. Denn wenn dem Menschen das Naturrecht auch allein zu Theil geworden wäre, wäre er desshalb weniger eine Maschine? Räder, einige Federn mehr als in den vollkommensten Thieren, das Gehirn dem Herzen verhältnissmässig näher und auch mehr Blut empfangend bei gleichem Verhältniss, was weiss ich noch? Unbekannte Ursachen würden immer dieses zarte Gewissen, das so leicht verletzlich ist, diese Gewissensbisse, welche dem Stoffe ebenso wenig fremd, als der Gedanke sind, und mit einem Worte die ganze hier vorausgesetzte Verschiedenheit hervorbringen. Würde denn die Organisation zu Allem genügen? ja, noch einmal. Da doch der Gedanke sich sichtlich mit den Organen entwickelt, warum sollte der Stoff, aus dem sie bestehen, nicht ebenso für Gewissensbisse empfänglich sein, wenn er einmal mit der Zeit die Fähigkeit zu empfinden erlangt hat." [13]


Der Franzose Offray erregte mit seinem Büchlein vom Menschen viel Aufsehen in seiner Zeit. Zuerst musste er aus Frankreich fliehen, dann sogar aus den damals sehr (religions)toleranten Niederlanden. Und selbst am Hofe des aufklärerischen Preußenkönigs Friedrich II war er nicht überall gerne gelitten. Und wenn man sich das 18. Jahrhundert betrachtet darf man nicht vergessen, dass zu dieser Zeit in Europa Frauen als Hexen verurteilt und ermordet wurden.


ZITAT:

Paul-Henri Thiry (1770): "Der Mensch ist ein ganz und gar physikalisches Wesen. Und das Moralische am Menschen ist nichts anderes als dieses physikalische Wesen unter einem bestimmten Winkel betrachtet. [15]


Der springende Punkt an diesem Zitat ist das "nichts anderes". Während etwa die Denker der christlichen Scholastik die Materie als nur eine Erscheinung der Wirklichkeit ansahen und auch ein Rene Descartes der Welt der Körper (res extensa) eine Welt des Geistes beistellte (res cogitans), reduzierten zunehmend viele Denker nun die Welt auf das rein Materielle, physikalisch Fassbare.

In dieser Zeit, im 18. Jahrhundert entstanden dann auch die ersten Enzyklopädien im Sinne unserer heutigen Nachschlagewerke. Spätestens im 19. Jahrhundert finden wir dort dann klare und um Ausgewogenheit bemühte Versuche, Wort wie Materialismus zu definieren.

DEFINITION:

1836: "Materialismus, jenes philosophische System, nach welchem Geist und Körper identisch, d. h. einer Natur sind; sich nicht bloß gegenseitig bedingen, sondern wirklich eins sind, ein Leben führen und zugleich sterben. Materialist ist demnach ein solcher, der nach diesem Systeme die Materie als das Grundprincip alles Lebens ansieht und hiernach an eine stete Körperwandlung, thierische Seelenwanderung, glaubt. [16]

DEFINITION:

1839: "Materialismus heißt diejenige philosophische Ansicht, welche die Materie oder das Körperliche als die Grundursache alles Vorhandenen betrachtet und daher auch die geistige Natur der Seele leugnet. Die Anhänger dieser Meinung, welche übrigens auf einer blos willkürlichen Voraussetzung beruht, heißen im philosophischen Sinne Materialisten, und zu ihnen gehören viele Philosophen des Alterthums, allein auch neuere und besonders franz. Schriftsteller des 18. Jahrh. sind als Vertheidiger derselben aufgetreten." [17]

Wie der Materialismus auch auf die Biologie ausgedehnt werden sollte, zeigt schön ein Zitat des Physiologen Emil du Bois-Reymond (1818 bis 1896).


ZITAT:

Emil du Bois-Reymond (1842): "Brücke und ich, wir haben uns verschworen, die Wahrheit geltend zu machen, daß im Organismus keine anderen Kräfte wirksam sind, als die gemeinen physikalisch-chemischen; daß, wo diese bislang nicht zur Erklärung ausreichen, mittels der physikalisch-mathematischen Methode entweder nach ihrer Art und Weise der Wirksamkeit im konkreten Fall gesucht werden muß, oder daß neue Kräfte angenommen werden müssen, welche, von gleicher Dignität mit den physikalisch-chemischen, der Materie inhärent, stets auf nur abstoßende oder anziehende Componenten zurückzuführen sind." [18]


In der folgenden Definition aus einem Wörterbuch des 19. Jahrhunderts finden wir dann auch die wertende Erweiterung von Materialismus von einem bloß beschreibenden Weltbild hin zu einer (verwerflichen?) Lebenshaltung:

DEFINITION:

1856: "Materialismus, nennt man nach dem gewöhnlichsten Sprachgebrauche diejenige Denk- u. Gesinnungsweise, welche die M. über den Geist setzt, gleichviel ob dies im Gebiete der Wissenschaft (philosophischer, theoretischer M.) od. des Lebens (praktischer M., Genußsucht, Eigennutz) geschieht, ferner ob das Materielle mehr oder minder vergeistiget und verfeinert gedacht und genossen (seiner M.) oder ob das Geistige lediglich als Blüte der M. betrachtet und demgemäß behandelt werde. Materialist, der Anhänger einer materialistischen Weltanschauung. Handlungsweise; dann der Verkäufer von Materialwaaren (s.d.), der Droguist. Materiell, was zur M., zur Sache gehört; finanziell; sinnlich, genußsüchtig, eigennützig." [19]

Man sieht im 19. Jahrhundert, wie man von der bloßen Beschreibung der Welt als bloßes Spiel der Materie hin zu weltanschaulichen Konsequenzen schreiten will. Karl Marx sah in der materiellen Ausgestaltung der Produktionsmittel sozusagen einen Unterbau auf dem erst sich der rechtliche und politische Überbau der Gesellschaften entwickele. [20] Nicht der Geist prägt die Materie, sondern die Materie den Geist:


ZITAT:

Karl Marx (1859): Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein bestimmt, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt." [21]


Der Materialismus ist jetzt also nicht mehr nur ein physikalisches Denkinstrument, sondern die Grundlage ganzer Weltanschauungen. Das kommt gut in einem differenzierenden Lexikonartikel vom Beginn des 20. Jahrhunderts zum Ausdruck:

DEFINITION:

1904: "Materialismus ist (theoretisch) die Lehre, daß das wahrhaft Reale in der Natur (kosmologischer Materialismus) wie im Geistigen, Seelischen (psychologischer Materialismus) die Materie (s. d.) oder das Körperliche, Physische (s. d.) sei. Nach dem kosmologischen Materialismus ist alles Wirkliche körperlich, alles Geschehen im Grunde mechanischer Art, Bewegung der Körper und Atome (s. d.). Der psychologische Materialismus tritt in verschiedenen Formen auf: 1) Der Geist ist selbst eine bestimmte Materie (Atom, Gehirn); 2) das Geistige ist Product, Ausscheidung der Materie, des Körpers; 3) das Geistige ist Function (s. d.) der Materie; des Gehirns; 4) das Psychische ist ein (der Bewegung coordinierter, aber von ihr causal abhängiger) Zustand der Materie (»psychophysischer Materialismus«). Der ethische Materialismus setzt den Lebenszweck in Genuß, Sinnlichkeit, Nutzen, kennt keine eigentlichen Ideale. Der geschichtliche (sociologische) Materialismus betrachtet alle geistigen Culturprocesse als Reflexe, Wirkungen von wirtschaftlichen Veränderungen (s. Sociologie). – Von dem dogmatischen, metaphysischen Materialismus ist der kritische, empirische, phänomenologische Materialismus zu unterscheiden, der zwar wissenschaftlich alles Natur-Geschehen auf materielle Processe bezieht, im Materiellen selbst aber nur eine Erscheinung erblickt. Der heuristische Materialismus endlich ist nichts als die consequente Durchführung der mechanistisch-energetischen Naturbetrachtung." [22]

In der Psychologie bildete sich dann im frühen 20. Jahrhundert die Idee aus, dass der Mensch auch in der Medizin ganz als Maschine, ganz materialistisch gedacht und behandelt werden sollte:


ZITAT:

John Yerbury Dent (1936): "Es ist ein Plädoyer für vieles, insbesondere aber für die physiologische, materielle Haltung von Patienten und Ärzten gegenüber dem Leben und seinen Unannehmlichkeiten sowie für den Ausschluss von Magie und Übernatürlichem aus der Behandlung des menschlichen Körpers." [23]


Man könnte noch viele weitere Äußerungen zum Standpunkt des Materialismus auflisten. Aber es soll bis hier genügen, um den Grundzug dieser Weltsicht aufzuzeigen.

Abgrenzung zum Mechanismus


Eine besondere Form des Materialismus ist der Mechanismus. Hier stellt man sie die Welt der Materie reduziert auf mechanisch beschreibbare Objekte vor. Während man im Materialismus etwa von elektrischen oder magnetischen Feldern sprechen kann, dürfen diese in einem strikten Mechanismus nicht vorkommen. Weiter gefasst als der Materialismus ist der Determinismus. Deterministische Weltsichten sind oft materialistisch, es gibt auch Varianten eines eher geistigen Determinismus. Als Beispiel möge hier der Buddhismus genügen: seine Karma-Lehre stellt einen strikten Determinismus im Sinne von Ursache und Wirkung her. Indem aber die seelischen Realitäten dem Budhhismus wichtiger sind als tote Materie ist er zwar deterministisch aber nicht materialistisch.

Verwandte Positionen


  • Alles in der Welt ist mechanisch, populär vor allem im Frankreich des 18. und frühen 19. Jahrhunderts 👉 Materialismus
  • Alles lässt sich auf ein Prinzip, hier die Materie, herunterbrechen, daraus ableiten 👉 Reduktionismus
  • Alles ist vergänglich, lebe im Jetzt und nimm an Genüssen mit was zu kriegen ist 👉 Hedonismus

Kritik


Ein naiver Materialismus geht von einer Welt aus, die nur aus materiellen Bausteinen besteht. Und das Verhalten dieser Bausteine, etwa Atome, wird ganz und nur von deterministischen Wirkungsursachen bestimmt. Zwar können Materie und Determinismus auch unabhängig voneinander gedacht werden (etwa bei Aristoteles). Aber in seiner oft populären Form wird der Materialismus als auch gleichzeitig als Determinismus gedacht. Alles Geistige, jede Seelenregung oder überhaupt alles Psychische ist entweder Illusion oder wirkungsloses Beiwerk (Epiphänomän): Ein solcher Materialismus ist vielleicht denkbar, aber auf keinen Fall überzeugend oder gar zwingen. Im Gegenteil: es gibt gute Gründe an einem naiven Materialismus zu zweifeln.

Was ist Materie


Ein philosophisch sauber durchdachter Materialismus muss das Schlüsselwort der Materie sauber definieren. Dies war noch nie einfach. Und die Befunde der Quantenphysik lassen je nach Leseart Begriffe wie Materie, Feld, Beobachter oder auch Information ineinander verschwimmen. Was soll man sich unter einem materiellen Elektron vorstellen, von dem manche Physike behaupten, man könne ihm zwischen zwei Messungen keinerlei festen Zustand oder Ort zuweisen? Wie soll man sich de Broglies Materiewellen vorstellen, die gleichzeitig materiall teilchenhaft und dann auch wieder unendlich ausgedehnt wellenartig gedacht werden sollen?


ZITAT:

Carl Friedirch von Weizsäcker (1964): "Man meint, den Menschen verstanden zu haben, wenn man ihn auf Materie zurückführt. Um diesen Schein zu zerstreuen, genügt die Frage: Was ist denn Materie?"


Diese Frage des Physikers und Philosophen von Weizsäcke zielt auf den Kern der Sache ab. Wer einen Materialismus vertritt, muss klar angeben können, was unter Materie zu verstehen ist. Das wird schwierig. Siehe dazu den Artikel über den Begriff der 👉 Materie

Außenwelt als Hypothese


Alles, was wir über die Welt erfahren, stammt aus dem Strom der Eindrücke in unserem Bewusstsein. Dabei gibt es keinerlei sicheren Weg auszuschließen, dass all unsere Wahrnehmung nur ein Traum sind, von guten oder bösen Göttern eingespielte Empfindungen. Modern ausgedrückt: wir könnten in einer Computermatrix leben und hätten keine Chance das zu widerlegen. Damit fehlt aber auch jedem Materialismus der ganz sichere Boden. Wenn die Existenz einer Welt außerhalb unseres Bewusstseins schon nicht mehr sein kann als eine bloße Annahme, dann ist die Existenz von Materie ebenfalls nur eine Annahme. Dieser Gedanke reicht bis mindestens in die griechische Antike zurück. Er wird ausführlich vorgestellt auf der Seite über die 👉 Außenwelthypothese

Persönliche Einschätzung


 Portrait von Gunter Heim Einen naiven Materialismus halte ich für wenig überzeugend. Aber etwas ist doch dran: die Welt um uns herum scheint aus mehr oder mindes beständigen und festen Gebilden aufgebaut zu sein. Ob diese Gebilde aber nur aus einer irgendwie gedachten Materie betehen halte ich für zweitranging. Wesentlich ist nur ein Aspekt der Materie: ihre vergleichsweise hohe Beständigkeit. Das was man Materie nennt kennzeichnet oft gerade das Zuverlässige im Ablauf der Welt. Für mich muss eine vernünftige Weltanschauung eine Welt bieten, die ein passend ausbalanciertes Wechselspiel zwischen Beständigkeit und Formbarkeit herstellt.

Fußnoten


  • [1] Ajita Kesakambali (6. Jh. v. Chr.): "There is no (merit in) almsgiving sacrifice or offering, no result or ripening of good or evil deeds. There is no passing from this world to the next. No benefit accrues from the service of mother or father. There is no afterlife, and there are no ascetics or brāhmaṇas, who have reached perfection on the right path, and who, having known and experienced this world and the world beyond, publish (their knowledge). Man is formed of the four elements; when he dies, earth returns to the aggregate of earth, water to water, fire to fire, and air to air, while the senses vanish into space. Four men with bier take up the corpse; they gossip (about the dead man) as far as the burning ground, (where) his bones turn the colour of a dove’s wing, and his sacrifices end in ashes. They are fools who preach almsgiving, and those who maintain the existence (of immaterial categories) speak vain and lying nonsense. When the body dies both fool and wise alike are cut off and perish. They do not survive after death." In: A.L. Basham, History and doctrines of the Ājīvikas: A vanished Indian religion, 1951, London, UK: Luzac and Company Ltd., page 15.
  • [2] Demokrit (460 bis 370 v. Chr.): Scheinbar ist Farbe, scheinbar Süßigkeit, scheinbar Bitterkeit: wirklich nur Atome und Leeres." - Fragment 125 (gemäß Galenos von Pergamon); Übers. durch Hermann Diels: Die Fragmente der Vorsokratiker, griechisch und deutsch, Zweiter Band, 3. Aufl., Berlin 1912. S. 85 Internet Archive. Alternative Übersetzung : "Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome und leeren Raum." - Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker, Kröner, Stuttgart 1935, S. 399.
  • [3] Lukrez (99 bis 55 v. Chr.): "Hängst du ferner ein Kleid an dem flutenumbrandeten Strand auf, Feucht wird es dort, doch es trocknet auch wieder in glühender Sonne; Aber man hat nicht gesehn, wie des Wassers Nässe hineinkam In das Gewand, noch andererseits, wie sie floh vor der Hitze. Also muß sich das Naß in winzige Teilchen zerteilen, Die auf keinerlei Weise das Auge zu sehen imstand ist." In: Lukrez: Über die Natur der Dinge. Berlin 1957, S. 36-38. Online: http://www.zeno.org/nid/20009208798
  • [4] Plutarch (45 bis 125 n. Chr): "onta gar mona ta sômata kalousin", auf Deutsch: Denn als seiend bezeichnen sie allein die Körper.“ — Plutarch. De communibus notitiis adversus Stoicos 30 (vgl. Pseudo-Plutarch, Placita philosophorum I.11.4; Cicero, Academica I.11.39). Chicago: Plutarch. Moralia, vol. 13, trans. Harold Cherniss. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1976, De communibus notitiis 30.
  • [5] Wang Chong (27 bis 97 n. Chr.): "Durch die Verschmelzung der Fluide (Qi) von Himmel und Erde entstehen alle Dinge der Welt spontan, so wie durch die Vermischung der Flüssigkeiten von Mann und Frau Kinder spontan geboren werden. Unter den so entstandenen Dingen sind Lebewesen mit Blut in ihren Adern empfindlich für Hunger und Kälte." In: Lun-hêng, Part 1. Philosophical Essays of Wang Ch'ung. Translated by Forke, Alfred. Leipzig: Harrassowitz. 1907. Dort auf Seite 92.
  • [6] Tertullian (150 bis 220 n. Chr.): "Nihil enim, si non corpus", auf Deutsch: "Denn nichts existiert, wenn es kein Körper ist.“ In: Tertullian, De anima 7; Adversus Praxean 7. In: Tertullian. The Works of Tertullian, trans. Peter Holmes. Edinburgh: T&T Clark, 1885, De Anima 7; Adv. Prax. 7. Online: https://www.tertullian.org/works/
  • [7] Tertullian (150 bis 220 n. Chr.): "Omne quod est, corpus est sui generis; nihil est incorporale, nisi quod non est", auf Deutsch: "Alles, was ist, ist ein Körper seiner Art; nichts ist unkörperlich, außer dem, was nicht existiert." In: Tertullian, De carne Christi 11. Chicago: Tertullian. The Works of Tertullian, trans. Peter Holmes. Edinburgh: T&T Clark, 1885, De Carne Christi 11
  • [8] Diogenes Laertios (3. Jh. n. Chr.): "pan gar to poioun sôma esti", auf Deutsch: "Denn alles, was wirkt, ist ein Körper." — Diogenes Laertios. Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Buch VII, § 56. Chicago: Diogenes Laertius. Lives of Eminent Philosophers. Trans. R. D. Hicks. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1925, VII.56.
  • [9] Diogenes Laertios (3. Jh. n. Chr.): "Kath' heauton de ouk esti noêsai to asômaton plên epi tou kenou", auf Deutsch: "Für sich genommen ist das Unkörperliche nicht denkbar, außer im Fall des Leeren." In: Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Buch X, §§ 39, 67. Chicago: Diogenes Laertius. Lives of Eminent Philosophers. Trans. R. D. Hicks. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1925, X.39, X.67.
  • [10] Augustinus (354 bis 430 n. Chr.) widerspricht den Materialisten: "Qui opinantur [mentem] esse corpoream, non ob hoc errare [videntur], quod mens desit eorum notitiae, sed quod adiungant ea, sine quibus nullam possunt cogitare naturam. Sine phantasiis enim corporum, quidquid iussi fuerint cogitare, nihil omnino esse arbitrantur", auf Deutsch: "Denn diejenigen, die meinen, der Geist sei körperlich, scheinen nicht irrezuführen, weil ihnen das Wissen über ihn fehlt, sondern weil sie ihm Dinge beifügen, ohne die sie keine Natur denken können. Denn ohne die Vorstellungen von Körpern halten sie alles, was sie beauftragt sind zu denken, für gänzlich nicht existent.“ — Aurelius Augustinus, De Trinitate (lateinisch). Chicago: Aurelius Augustinus. De Trinitate. Lateinische Edition. Basel: Johann Amerbach, 1490 (Inkunabel). https://phaidra.univie.ac.at/o:148962
  • [11] 1255, Thomas von Aquin: "Materia prima est subiectum omnium rerum corporalium.", auf Deutsch: "Ursprüngliche Materie ist das Substrat aller körperlichen Dinge.“ (klassischer scholastischer Lehrsatz über Materie im naturphilosophischen Kontext). Chicago: Thomas von Aquin, De principiis naturae ad fratrem Sylvestrum (~1255). Online: https://en.wikipedia.org/wiki/De_principiis_naturae%2C_ad_fratrem_Sylvestrum
  • [12] 1740, Christian Wolff: Psychologia rationalis, methodo scientifica pertractata, qua ea, quae de anima humana indubia experientiae fide innotescunt, per essentiam et naturam animae explicantur. In Christian Wolff: Gesammelte Werke, Herausgegeben von Jean École, II. Abteilung: Lateinische Schriften, Band 6. Hildesheim: Georg Olms Verlag, 1994 (Reprint der Ausgabe Frankfurt & Leipzig 1740).
  • [13] 1748: "Aber wenn nun alle Fähigkeiten der Seele dermaaßen von der eigenthümlichen Organisation des Gehirns und des ganzen Körpers abhängen, dass sie augenscheinlich nur eben diese Organisation selbst sind, so halten wir eine sehr erleuchtete Maschine vor uns. Denn wenn dem Menschen das Naturrecht auch allein zu Theil geworden wäre, wäre er desshalb weniger eine Maschine? Räder, einige Federn mehr als in den vollkommensten Thieren, das Gehirn dem Herzen verhältnissmässig näher und auch mehr Blut empfangend bei gleichem Verhältniss, was weiss ich noch? Unbekannte Ursachen würden immer dieses zarte Gewissen, das so leicht verletzlich ist, diese Gewissensbisse, welche dem Stoffe ebenso wenig fremd, als der Gedanke sind, und mit einem Worte die ganze hier vorausgesetzte Verschiedenheit hervorbringen. Würde denn die Organisation zu Allem genügen? ja, noch einmal. Da doch der Gedanke sich sichtlich mit den Organen entwickelt, warum sollte der Stoff, aus dem sie bestehen, nicht ebenso für Gewissensbisse empfänglich sein, wenn er einmal mit der Zeit die Fähigkeit zu empfinden erlangt hat." In: Julien Offray de la Mettrie: Die Maschine Mensch. 1748. Als deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1875. Online: http://www.zeno.org/nid/2000920380X
  • [14] 1757, Baumgarten, Alexander Gottlieb. Metaphysica. 4. Aufl. Halae Magdeburgicae: Carolus Hermannus Hemmerde, 1757, § 395.
  • [15] 1770, Paul-Henri Thiry: "L’homme est un être purement physique; l’homme moral n’est que cet être physique considéré sous un certain point de vue…" In: Paul‑Henri Thiry, Baron d’Holbach, Système de la nature ou Des loix du monde physique & du monde moral, Partie I, Chapitre I (Paris: 1770).
  • [18] Wie der Materialismus auch auf die Biologie ausgedehnt werden sollte, zeigt schön ein Zitat des Physiologen Emil du Bois-Reymond (1818 bis 1896). In einem Brief an Eduard Hallmann schrieb der junge du Bois-Reymond im Jahr 1842: "Brücke und ich, wir haben uns verschworen, die Wahrheit geltend zu machen, daß im Organismus keine anderen Kräfte wirksam sind, als die gemeinen physikalisch-chemischen; daß, wo diese bislang nicht zur Erklärung ausreichen, mittels der physikalisch-mathematischen Methode entweder nach ihrer Art und Weise der Wirksamkeit im konkreten Fall gesucht werden muß, oder daß neue Kräfte angenommen werden müssen, welche, von gleicher Dignität mit den physikalisch-chemischen, der Materie inhärent, stets auf nur abstoßende oder anziehende Componenten zurückzuführen sind.“ Siehe auch 👉 Emil du Bois-Reymond
  • [20] Karl Marx: "In the social production of their existence, men inevitably enter into definite relations, which are independent of their will, namely relations of production appropriate to a given stage in the development of their material forces of production. The totality of these relations of production constitutes the economic structure of society, the real foundation, on which arises a legal and political superstructure and to which correspond definite forms of social consciousness. The mode of production of material life conditions the general process of social, political and intellectual life. It is not the consciousness of men that determines their existence, but their social existence that determines their consciousness." In: Preface to A Contribution to the Critique of Political Economy. 1859. Charles H. Kerr & Company. Ausgabe von 1904. Online: https://www.marxists.org/archive/marx/works/1859/critique-pol-economy/preface.htm
  • [21] Karl Marx: Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein bestimmt, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt." In: Zur Kritik der politischen Ökonomie, Vorwort. Marx-Engels-Werke (MEW) Bd. 13, S. 34–35 (1859).
  • [24] Die Korrespondenztheorie der Philosophie "vertritt die Auffassung bezüglich der Wahrheit, dass Wahrheit in der Übereinstimmung zwischen einer Vorstellung oder einem Urteil und der Wirklichkeit (bzw. deren vorgestelltem Teil) besteht. […] In der scholastischen Formel »veritas est adaequatio rei et intellectus« wird dies explizit zum Ausdruck gebracht." In: Metzler Philosophie Lexikon. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar, 1999. ISBN: 3-476-01679-X. Dort der Artikel "Korrespondenztheorie", Seite 305. Siehe auch 👉 Korrespondenztheorie
  • [25] Immanuel Kant kam zu dem Schluss, dass die wahre Natur der materiellen Objekte dem menschlichen Betrachter nicht zugänglich ist. Sprichwörtlich ist sein Konzept vom 👉 Ding an sich
  • [26] Mit dem Begriff der Entelechie erhält eine Zielgerichtet Einzug in die Physik. Siehe mehr dazu im Artikel zur 👉 Entelechie
  • [27] Die aristotelische Idee der Potentia im Sinne von Entwicklungsmöglichkeiten spiegelt in frappierender Weise das moderne quantenphysikalische Bild von Wahrscheinlichkeitspotentialen wieder. Siehe dazu den Artikel zur 👉 Potentia
  • [28] Der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker frug provozierend: "Man meint, den Menschen verstanden zu haben, wenn man ihn auf Materie zurückführt. Um diesen Schein zu zerstreuen, genügt die Frage: Was ist denn Materie?" In: C. F. von Weizsäckers. Die Geschichte der Natur. Hirzel Verlag, Zürich, 6. Auflage, 1964.

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