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Kollektives Bewusstsein

Philosophie

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Basiswissen


Kollektiv heißt so viel gemeinsam oder gemeinschaftlich. [7] Der Begriff des kollektiven Bewusstsein wird in zwei ähnlichen aber fundamental unterschiedlichen Bedeutungen verwendet: es kann a) die Schnittmenge aller gleichartigen Bewusstseinsinhalte meinen, ohne das es dabei zu einer psychischen Verschmelzung verschiedener Bewusstseinsträger kommt. Oder b) kann kollektives Bewusstsein auch für einen tatsächlich überindividuellen Bewusstseinszustand mehrerer Individuen nach einer Art Geistverschmelzung stehen.

Als Durchschnitt


Der französische Soziologe Emile Durckheim (1858 bis 1917) prägte den Begriff des kollektiven oder des Kollektivbewusstseins. Damit bezeichnete er die "Gesamtheit der Anschauungen und Gefühle, die der Durchschnitt der Mitglieder derselben Gesellschaft hegt". [13] Diese Idee setzt in keiner Weise voraus, dass die Bewusstseinszustände einzelner Personen direkt ohne Vermittlung durch Materie miteinander in Verbindung treten. Zu Durkheims Konzept siehe auch unter 👉 Kollektivbewusstsein

Als Schnittmenge


In der Psychologie des schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung (1875 bis 1961) steht der Begriff des kollektiven Bewusstseins für die Inhalte und Verhaltensweisen menschlichen Bewusstsein, die bei allen menschlichen Individuen gleich sind. Mathematisch im Sinne der Mengenlehre gesehen wäre das kollektive Bewusstsein Jungs also die Schnittmenge aller Bewusstseinsinhalte Verhaltensweisen der Menge aller Menschen. [6] Erkennbar werden die gemeinamen Inhalte zum Beispiel an den archetypischen Bildern wie man sie in Träumen, Mythen, Märchen oder Wahnbildern findet. [8]

  • Das kollektive Bewusstsein ist unpersönlich.
  • Das kollektive Bewusstsein ist bei allen Menschen gleich.
  • Das kollektive Bewusstsein ist stammesgeschtlich (phylogenetisch) entstanden.

Als bloße Schnittmenge definiert beinhaltet der Begriff des kollektiven Bewusstseins keine dirketen kausalen Wirkungen von einem menschlichen Bewusstsein zu einem anderen. Auch führt der Begriff nicht zur Idee eines überindividuellen Bewusstseinszustandes den man etwa der Menschheit als Überindividuum zuschreiben kann. In Jungs Deutung ist jeder individuelle Mensch Träger eines eigenen Bewusstseins. Damit tritt auch nicht die Frage auf, wie aus verschiedenen vorher getrennten Bewusstseinszuständen ein neues gemeinsames Bewusstsein auftreten soll. [9]

Als kollektives Bewusstsein im Sinn einer Philosophie des Geistes bezeichnet man einen Bewusstseinszustand, der mit anderen bewussten Wesen geteilt, das heißt als gleichartig empfunden wird. [1]. Alternativ bezeichnet kollektives Bewusstsein auch ein Bewusstsein das aus einer Verbindung verschiedener vorher bewusster oder unbewusster Komponenten entsteht, etwa aus Menschen und Maschinen. [3]. Ein ungelöstes Problem bei solchen Gedankenspielen ist die Frage, wie sich die Einzelbewusstseine zu einem hypothetischen Gesamtbewusstsein [4] verbinden sollen [5]. Zur Idee eines kombinierten Bewusstseins aus Einzelbewusstseinen siehe auch 👉 Metasystem-Bewusstsein

Als Emergenz


Sehr viel weiter als bloß zueinander gleichartige aber getrennte Bewusstseine geht die Idee eines kollektiven Bewusstsein im Sinne eines verschmolzenen Geistes, als transpersonales Bewusstsein, eine Compound Mind [11]. Hier denkt man sich das kollektive Bewusstsein als ein neues Bewusstsein, das es vor der Verschmelzung der einzelnen individuellen Bewusstseine vorher noch nicht gegeben hat. Dieses neue Bewusstsein emergiert sozusagen aus einem irgendwie gearteten Zustand. Doch der Gedanke bringt eine ernste philosophische Probleme mit sich. Diese Probleme werden in der Philosophie des Geistes unter dem Stichwort Kombinationsproblem diskutiert. [9] Eine ausführlichere Diskussion einer echten Verschmelzung von mehreren Bewusstseinen zu einem neuen Bewusstsein wird diskutiert im Artikel zum 👉 Metasystem-Bewusstsein

Fußnoten


  • [1] Kollektives Bewusstsein als eine Verbindung räumlich verteilter Menschen über Spiegelneuronen wird in enger Analogie zum klassischen Bindungsproblem betrachtet: "This paper discusses supportive neurological and social evidence for ‘collective consciousness’, here understood as a shared sense of being together with others in a single or unified experience." Die gemeinsame Erfahrung wird durch den neurologischen Prozess der Spiegel-Neuronen: "Combining these ideas with social mirror theory it is not difficult to imagine the creation of similar dynamical patterns in the emotional and even cognitive neuronal activity of individuals in human groups, creating a feeling in which the participating members experience a unified sense of consciousness. Such instances pose a kind of ‘binding problem’ in which participating individuals exhibit a degree of ‘entanglement’". Dabei betrachten die Autoren das kollektive Bewusstsein tatsächlich als ontologisch ein Bewusstsein, und nicht nur eine Gemeinsamkeit ähnlicher aber getrennter Inhalte: "The phrase collective consciousness is taken here in the strong sense of a shared feeling of being together with others in a single or unified field of experience. We contrast this with the ordinary meaning originally suggested by Émile Durkheim in 1893 to identify shared beliefs and moral attitudes within a society". In Allan Combs and Stanley Krippner: Collective Consciousness and the Social Brain. In: Journal of Consciousness Studies, 15, No. 10–11, 2008. Zur - hier ausdrücklich nicht gemeinten - Idee Durkheims, siehe 👉 Kollektivbewusstsein
  • [2] Kollektives Bewusstsein von Gruppen von Menschen: "This chapter proposes an account of collective consciousness based on individuals' capacity to (together) form a collective subject. Three essential features of collective subjectivity are delineated: plurality, awareness, and collectivity." In: Kay Mathiesen: Collective Consciousness. In David Woodruff Smith, and Amie L. Thomasson (eds), Phenomenology and Philosophy of Mind (Oxford, 2005; online edn, Oxford Academic, 1 May 2010), https://doi.org/10.1093/acprof:oso/9780199272457.003.0012, accessed 27 Feb. 2024.
  • [3] Kollektives Bewusstsein nach einer technologischen Singularität: "The technological singularity is popularly envisioned as a point in time when (a) an explosion of growth in artificial intelligence (AI) leads to machines becoming smarter than humans in every capacity, even gaining consciousness in the process; or (b) humans become so integrated with AI that we could no longer be called human in the traditional sense. […] technological singularity does not represent a point in time but a process in the ongoing construction of a collective consciousness." Seit über 10 Tausend Jahren entsteht in einem langsamen Prozess, einer "soft singularity" ein gemeinsames kollektives Bewusstsein von Maschinen und Menschen. In: O’Lemmon, M. (2020). The Technological Singularity as the Emergence of a Collective Consciousness: An Anthropological Perspective. Bulletin of Science, Technology & Society, 40(1-2), 15-27. DOI: https://doi.org/10.1177/0270467620981000
  • [4] Das kollektive Bewusstsein einer globalen Superorganismus: "There is one sense in which people conceive of the noosphere as a futuristic planetary-scale entity of some sort—a fully functional superorganism with a global brain and collective consciousness, brought into being as the Internet evolves into an increasingly powerful and capable interconnecting force." In: Human Energy Podcast. Science of the Noosphere – Collective Consciousness – Marta Lenartowicz. July 24, 2023 Human Energy Season 1 Episode 18. Online: https://www.buzzsprout.com/2212977/13282409-science-of-the-noosphere-collective-consciousness-marta-lenartowicz
  • [6] Für den schweizer Psychologen C. G. Jung ist das kollektive Bewusstsein überindividuell und in seinen Inhalten allen Menschen gemeinsam: "A more or less superficial layer of the unconscious is undoubtedly personal. I call it the personal unconscious. But this personal unconscious rests upon a deeper layer, which does not derive from personal experience and is not a personal acquisition but is inborn. This deeper layer I call the collective unconscious. I have chosen the term “collective” because this part of the unconscious is not individual but universal; in contrast to the personal psyche, it has contents and modes of behaviour that are more or less the same everywhere and in all individuals. It is, in other words, identical in all men and thus constitutes a common psychic substrate of a suprapersonal nature which is present in every one of us." In: C. G. Jung: Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten. Von den Wurzeln des Bewusstseins. Rascher, Zürich. 1954.
  • [7] Kollektiv als "von allen Beteiligten gemeinsam, gemeinschaftlich". In: der Artikel "kollektiv". Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS). Abgerufen am 29. Dezember 2025. Online: https://www.dwds.de/wb/kollektiv
  • [8] Archetypen des kollektiven Bewusstseins der Menschen sind etwa Bilder von Vater und Mutter, Geburt und Tod. Diese, so C. G. Jung, bilden sozusagen die Vorlage für viele Ausgestaltungen in Märchen oder Träumen. Siehem mehr unte 👉 Archetyp
  • [9] Das Problem, wie aus mehreren vorher getrennten Bewusstseinen ein neues, zusammengesetztes Bewusstsein entstehen soll bezeichnet man in der Philosophie des Geistes als 👉 Kombinationsproblem
  • [10] William James über die Unmöglichkeit einer Compound Mind: "The private minds do not agglomerate into a higher compound mind." In: The Principles of Psychology. 1890. Dort der Abschnitt "SELF-COMPOUNDING OF MENTAL FACTS IS INADMISSIBLE." Seite 160. Mehr unter 👉 Compound Mind
  • [11] Die Borg werden dargestellt als einzelne menschenähnliche Lebewesen. Aber ihr individueller Geist ist Teil eines übergeordenten Bewusstseins. Siehe auch 👉 Borg
  • [12] Olaf Stapledon: Stark Maker. 1937. Dort in den letzten Kapitel. Siehe auch 👉 Star Maker
  • [13] Das Kollektivbewusstsein nach Emile Durkheim: "Es handelt sich um die »Gesamtheit der Anschauungen und Gefühle, die der Durchschnitt der Mitglieder derselben Gesellschaft hegt«" In: Metzeler Philosophie Lexikon. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar, 1999. ISBN: 3-476-01679-X. Dort die Seite 287. Siehe auch 👉 Kollektivbewusstsein

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