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Kairos


Spekulative Philosophie


Basiswissen


Der Märchenforscher Franz Vossen greift aus den verschiedenen Bedeutungen des altgriechischichen Wortes Kairos eine heraus. Der Kairos ist „jener Augenblick, der schnell vorübergehend, über Glück und Unglück entscheidet, also der rechte Moment, der nicht verpasst werden darf[1, Seite 35]. Das ist hier weiter vorgestellt.

Die Herkunft des Wortes Kairos


Kairos bedeutet an sich so viel wie das rechte Maß, etwa erwähnt bei Xenophon (425 bis 354 vor Christus) (Symposion II 19)[1, Seite 177]. Als Wort der altgriechischen Sprache war Kairos männlich (maskulin)[1, Seite 37] und wurde entsprechen als männliche Gottheit personifiziert, als "Gott des rechten Moments". Lysipp gabt ihm um 270 vor Christus die Erscheinung eines "nackten Jünglings mit geflügelten Füßen und einem mächtigen Haarschopf, der aber einseitig nur die vordere Hälfte des Kopfes bedeckte […] der Hinterkopf ist kahl." Im Neuen Testament ist Kairos wieder nur die Zeit, nicht als Person gedacht. Bei Markus 1,15 steht im griechischen Originla für die Wendung, die zeit sei erfüllt das Wort Kairos[1, Seite 47]. Und wenn Jesus im Johannes 7,8 davon spricht, dass seine Zeit noch nicht gekommen sei, dann steht auch dort im Original das Wort Kairos[1, Seite 47]. Und schließlich steht im griechischen Bibel-Texte der Septuaginta bei Salomo, Vers 1 bis 8 eine litaneiartige Auflistung von richtigen Zeiten im Sinne von Kairos, eine "Zeit geboren zu werden, Zeit zu sterben, […] Zeit einzureißen, Zeit aufzubauen"[1, Seite 48].

Der Kairos im Märchen


Im Märchen von Dornröschen umgibt ein Dornengestrüpp das Schloss mit dem schlafenden Mädchen. jeder Jüngling, der einzudringen versucht, wird von dem Gestrüpp grausam getötet. Als jedoch der Fluch einer bösen Fee erschöpft ist, würde Dornröschen auch ohne Kuss des Jünglings aufwachen. Der Jüngling aber kommt genau im richtigen Moment: spät genug, um von den Dornen verschont zu werden und früh genug, um Dornoröschen den Eindruck zu geben, er sei es gewesen, der sie wachgeküsst habe. Das ist eines von vielen Beispielen, die in der Märchenforschung für den Kairos stehen, den richtigen Augenblick[1, Seite 44 ff.].

Der Kairos als Weichenereignis


Als Weichenereignis wird hier auf diesen Seiten ein Ereignis bezeichnet, das für sich alleine betrachtet nach wenig aussieht, nichts Besonderes sein muss, das aber zeitlich und örtlich so in den Gang der Welt eingebettet ist, dass die Folgen lange Zeit bedeutsam bleiben. Was dabei bedeutsam ist, kann subjektiv sein. Der Märchenkundige Franz von Vonessen schreibt dazu passend: "der kleinste Irrtum kann den Lauf der Dinge verändern, so daß dieRichtung, die das Ereignis im Begriff war zu nehmen, ab-fälscht wird[1, Seite 58]." Der gut oder schlecht genutzte Kairos hat damit also eine Art Hebelwirkung auf den Gang der Geschicke, eine kleine handlung oder eine kleine Unterlassung wirkt sich nachhaltig und bedeutsam auf die Zukunft aus. Der Psychologie William James forderte genau solche Ereignisse als Voraussetzung für einen Freien Willen[2]: eine kleine und nur momentane Änderung in der Chemie und Physik eines Gehirns könnte den Gang der Welt dramatisch verändern. Siehe dazu auch Weichenereignis ↗

Fußnoten