Fachworte


Sinn


Basiswissen


Photonen als Lichtteilchen, konstatieren für feststellen oder Fluid für Gase und Flüssigkeiten: hier stehen einige Beispiele dazu, welchen Sinn Fachworte haben. Am Ende steht eine kurze Kritik.

Fachworte sind präziser


Menschen und Technik verschmelzen zu einem Superorganismus: umgangssprachlich steht das Wort Superorganismus für einen hypothetischen Organismus, der aus Menschen, Technik und künstlicher Intelligenz enstehen könnte [1]. Das Internet wird dabei oft als Gehirn eines solchen Superorganismus gedeutet. In der Biologie hingegen ist das Wort Superorganismus sehr eng begrenzt auf einen Zusammenschluss gleichartiger lebender Organismen. Siehe auch => Superorganismus

Fachworte zeigt die verwendete Theorie an


Photonen treffen auf einen Körper, wodurch dieser dann hell wird: wer das Wort Photonen und gleichzeitig auch Worte wie etwa Lichtstrahlen oder Lichtwelle benutzt zeigt damit, dass er verschiedene Modellvorstellungen von Licht unterscheiden kann und gerade eine bestimmte von diesen Theorien verwendet, hier die Idee von Licht als Teilchen mit Wellencharakter. Siehe auch => Photon

Fachworte belegen Fachkenntnis


Die Evolutionstheorie zeigt, dass nur die aggressivsten und stärksten Individuen und Arten im ewigen Kampf ums Dasein überleben können [5]. Eine solche Aussage hätten bei einer Anerkennung ihrer Gültigkeit weitreichende Folgen für unser menschliches Zusammenleben. Entsprechend wichtig ist es, dass die Autoren solcher Aussagen nicht leichtfertig sprechen. Wie tief und umfassend sie sich mit dem Fachgebiet der Evolutionstheorie beschäftigt haben, kann man daran erkennen, welche Fachwort sie kennen und welche nicht: Saltation, evolutionär stabile Strategie, Altruismus, homologe und analoge Evolution oder auch Präadaptation. Wer diese Worte nicht kennt, hat sich mit hoher Sicherheit nicht besonders intensiv mit Theorien zur Evolution beschäftigt und hätte damit auch eine nicht allzuhohe Glaubwürdigkeit. Siehe zum Beispiel => Präadaptation

Fachworte finden: Lexika und Co.


Für Fachgebiete wie die Evolutionsbiologie, die Strömungsmechanik oder den Bergbau gibt es oft Standard-Lexika, in denen die Fachwort zusammengefasst und erklärt sind. Man kann also nach speziellen Lexika suchen. Am Ende von Büchern sind die in diesem Buch verwendeten Fachwort oft auch in einem Glossar kurz erklärt oder in einem Register zumindest zum Nachschlagen aufgelistet. Die umfassendste Erklärung findet man meist in den => Lexika

Kritik: Fachworte schließen Menschen aus


Einer der Kernbotschaften des englischen Schriftstellers George Orwell (1903 bis 1950) war: wer alle Menschen erreichen will, verwendet am besten eine einfache Sprache. In einem Artikel aus dem Jahr 1944 [2] zeigte er an vielen Beispielen (movement, warbling, immortality), dass es eine Sprache der (schul)Gebildeten und eine einfache Sprache gibt. Er zeigte, wie die Verwendung von Fach- und Fremdworten viele Menschen vom Verständnis ausschließt. Für die Zeit nach 2000 [3] wurde die Bedeutung von Fachworten für das Verständnis untersucht von der polnischen Wissenschaftlerin => Ewa Dabwrowska

Kritik: Fachworte engen das Denken ein


Der Sozialwissenschaftler Herbert Marcuse (1898 bis 1979) zeichnete in den 1960er Jahren das Bild einer durchrationalsierten Gesellschaft, in der der einzelne Mensch zunehmend nur eine Rolle im Räderwerk ausführt und dabei ganz den Blick und den Wunsch nach Andersartigem ganz aufgibt. Als treibende intellektuelle Kraft für diesen Prozess sieht er den sogenannten Positivismus. Als Positivismus bezeichnet man die (Selbst)Beschränkung auf sichere, klar definierbare, eindeutige und überprüfbare Aussagen: im Sinne des Positivismus erlaubt wäre zum Beispiele die Vermutung "im Zentrum unserer Galaxie gibt es mehrere schwarze Löcher". Nicht erlaubt wäre eine vieldeutige und schwer überprüfbare Vermutung wie: "Der Sinn unseres Lebens liegt in der Erwartung eines Jenseitigen Glücks". Marcuse kritisierte, dass der moderne Mensch zunehmen die Dimension des Unklaren aufgibt und sich auf das eindeutige und klare reduziert, es entsteht dadurch => Der eindimensionale Mensch

Quellen


◦ [1] Robert Wright und John Maynard Smith. Interview aus dem Jahr 2003 in der Wohnung von Maynard Smith in der Grafschaft Sussex in England. Robert Wright fragt zum Ende des Interviews, ob Smith sich einen entstehenden Superorganismus aus Menschen und Technologie vorstellen könne, was dieser bejaht. Archviviert auf www.youtube.de
◦ [2] George Orwell: Propaganda and Demotic Speech (Persuasion, Summer Quarter 1944, 2, No. 2). In: George Orwell. Essays. Everyman Library. 242. Herausgegeben von Alfred A. Knopf. 2002. ISBN: 978-1-85715-242-5. Seite 695 ff.
◦ [3] James A. Street, Ewa Dabrowska: Lexically specific knowledge and individual differences in adult native speakers’ processing of the English passive. In: Applied Psycholinguistics , Volume 35 , Issue 1 , January 2014 , pp. 97 - 118. © Cambridge University Press, 2012. DOI: https://doi.org/10.1017/S0142716412000367
◦ [4] Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. Übersetzt von Alfred Schmidt. Luchterhand, Neuwied 1967, 4. Aufl. Deutscher Taschenbuchverlag, dtv wissenschaft, München 2004. ISBN 3-423-34084-3
◦ [5] Sinngemäß als Aussage enthalten in: Friedrich von Bernhardi: Deutschland und der nächste Krieg. Cotta, Stuttgart 1912.