Übersimplifizierung
Beispiel
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Definition|
Video|
Die Übersimplifizierung|
Intelligent confusion als Folge|
Schwierige Lösung|
Nach ganz fest kommt ganz locker|
Verbesserungsvorschläge|
Fußnoten
Definition
Als Übersimplifizierung [1] bezeichnet man eine so weit vereinfachte Darstellung eines Sachverhalts, dass Dinge schädlich fehlerhaft und folgenreich irreführend werden können. Eine mögliche solche Folge ist der Effekt der intelligent confusion.
Video
Bilder zur Entstehung der Mondphasen wie Neumond, Halbmmond oder Vollmond findet man in vielen Atlanten und Büchern für Kinder und Jugendliche. Dabei werden die tatsächlich nicht ganz so unkomplizierte Wirklichkeit oft so stark vereinfacht, dass wache Köpfe zu falschen Schlüssen oder Verwirrungen neigen.
Ein Tischmodell soll Kindern ab 9 Jahren alter die Entstehung der Mondphasen erklären. Das Modell ist jedoch so weit vereinfacht, dass sich ein folgenreicher Fehler eingeschlichen hat. Kinder die mitdenken, fällt das auf. Die Gefahr droht, dass sie den Fehler bei sich suchen.
Das Tellurium stammt aus einem Wissenschaftsspiel für Kinder ab 9 Jahren. [2] Die Verpackung und die Inhalte wirken professionell. Die Erklärtexte enthalten Fachworte wie Apogäum und Perigäum. Im Begleitmaterial wurde auch ein Professor namentlich als wissenschaftlicher Berater genannt. Eltern und Kinder dürften dazu neigen, solche Lehrmitteln zu vertrauen.
Die Übersimplifizierung
Richtig
Falsch
Inkonsistenz
Intelligent confusion als Folge
Unschädlich
Schädlich
Schwierige Lösung
Wie könnte nun ein Kind sich alleine aus dem Zustand der Konfusion befreien? Ein fiktiver innerer Dialog soll zeigen, wie schwierig bis unmöglich es für normal begabte Kinder sein dürfte, das Rätsel zu lösen. Der erste Schritt wäre es, aus dem Gefühl sprachlich denkbare Aussagen zu machen, also eine Explikation:
- Hm, irgendwas stimmt hier nicht.
- Irgendwas beim Vollmond passt nicht.
- Da kommt ja gar kein Licht von der Sonne hin.
- Der müsste ja ganz dunkel sein.
- Wie kann dann da Vollmond sein?
Es gibt nun mindestens drei mögliche Denkrichtungen, in denen man eine Lösung suchen kann. Um diese Richtungen einzuschlagen, müssen die Kinder aber die Vorgaben des Modells aktiv verlassen. Kinder die aber daran gewöhnt sind, Vorgaben einzuhalten (Schule!), dürften an dieser Stelle stehen bleiben. Sehr unabhängige Querdenker hätten vielleicht eine Chance weiter zu kommen:
- Die Sonne ist so sehr viel größer als die Erde, dass der Mond vollständig von den Rändern der Sonne her beschienen werden kann.
- Der Mond ist so weit von der Erde entfernt, dass er auch Strahlen vom Rand der Sonne erhalten kann und beleuchtet wird.
- Der Mond wandert auf einer gekippte, schrägen Ebene um die Erde. Im sonnennächsten und sonnenfernsten Punkt ist er je nachdem etwas oberhalb oder etwas unterhalb der direkten Linien zwischen Sonne und Erde. So werden Finsternisse vermieden und der Mond bei Vollmond voll angeleuchtet.
Aus meinen nunmehr über 20 Jahren als Lehrer für Mathematik und Physik schätze ich, dass vielleicht 5 bis 10 % aufmerksamer Schüler die Widersprüche merken und von diesen dann vielleicht höchstens 20 % den Fehler nicht nur bei sich suchen und von diesen wiederum vielleicht 50 % Ideen für eine Lösung haben.
Nach ganz fest kommt ganz locker
Manche Übersimplifizierung mag aus dem Wunsch von Verlagen stammen, Kinder und Eltern mit gängigen Themen die faszinieren hin zum Kaufakt zu ködern. Ist das Geld einmal über die Kassentheke gegangen, hat das Material aus kaufmännischer Sicht seinen Zweck erfüllt. Diese Logik dürfte mindestens für no-Name Artikel funktionieren.
Eine Übersimplifizierung kann aber auch aus dem ehrlichen Wunsch erwachsen, Kindern spannende Aha-Erlebnisse zu bieten und ihnen etwas beizubringen. Wer fände es nicht reizvoll, wirklich zu wissen, warum der Himmel blau ist, was im Inneren eines Schwarzen Loches vor sich geht oder warum man beim Fahrradfahren nicht umkippt.
Im Falle des Telluriums aber war die Vereinfachung so stark, dass der gewünschte Effekt ins Gegenteil verkehrt wurde. Das Material wirkt kontraproduktiv, wie eine Schraube, die man so fest anzieht, dass der Kopf abreisst und die gewünschte Wirkung auf Null zurück geht.
Verbesserungsvorschläge
Mit einem leichten Dreh könnte man aus der Not vielleicht eine Tugend machen: man belässt das Tellurium baulich wie es ist. Aber man fügt eine Erklärung bei, dass genau so ja kein Vollmond enstehen kann und dass genau so mit jedem Neumond auch einer Sonnenfinsternis einher ginge (was nicht der Fall ist). Und man ermutigt Kinder dann, selbst nach einer Lösung zu suchen. Auf der Rückseite der Erklärkarte könnten Lösungstipps stehen. Oder irgendwo steht auch die ganze Lösung. Auf jeden Fall könnte man aus dem Tullurium, so wie es ist, eine interessane Denkaufgabe machen. Und das würde dann keinerlei Gefahr einer Übersimplifizierung mit sich bringen. Im Gegenteil, Kinder könnten so spielerisch an das Modelldenken der modernen Naturwissenschaften heran geführt werden.
Fußnoten
- [1] Randall S. Firestone: Oversimplification in Philosophy. In: Open Journal of Philosophy > Vol.9 No.3, August 2019. Online: https://www.scirp.org/journal/paperinformation
- [2] Gemeint ist das "Wissenschaftsspiel" mit dem Namen "Das Sonnensystem" von der Firma Clementoni GmbH aus Baden Baden. Das Spiel wurde erstellt unter der wissenschaftlichen Beratung von Prof. Giuliano Menghini. Aus einzelnen Teilen aus Kunststoff und Pappe kann man verschiedene Situationen des Sonnensystems nachstellen. Dabei sind - verständlicherweise - die Größen der Planeten und der Sonne sowie deren Abstände untereinander nicht maßstäblich. Das Modell des Sonnensystems passt handlich und kompakt gut auf eine Tischfläche. Die Erdkugel steht auf einer kleinen Säule, an die man drehbar auch über einen Arm den Mond einstecken kann. Die Säule mit Erde und Mond wieder kann an einem Arm befestigt werden, der um die Sonne läuft. Dabei sind die Bahnenebenen des Mondes um die Erde und der Erde um die Sonnen zueinander parallel. Diese Umsetzung verbunden mit der relativen Kleinheit der Sonne relativ zur Erde und den geringen Abständen der Himmelskörper im Modell ergibt sich, dass der Modellmond in der eigentlichen Vollmond-Position ganz im Schatten der Erde liegt. Wenn nur die Modellsonne Licht spenden würde, wäre der Modell-Vollmond tatsächlich ein unsichtbarer Mond in einer Mondfinsternis. Der Erklärtext auf einer eigenen größeren Erklärkarte geht auf diesen kniffligen Punkt aber nicht ein, sondern erklärt - falsch im Bezug zum Modell: "nach weiteren sieben Tagen erreicht der Mond auf seiner Umlaufbahn um die Erde den der Sonne entgegengesetzten Punkt und die beleuchtete Seite des Mondes ist der Erde zugewandt (Vollmond)". Ein Verbesserungsvorschlag für den Astronomie-Kasten wäre es, dass man die Mondbahn um die Erde gezielt leicht gegenüber der Erdbahn um die Sonne neigen kann, sowie vorschlägt, dass die Sonne im Modell sehr viel größer sein müsste und der Mond sehr viel weiter entfernt. Tatsächlich ist auf einer anderen Erklärkarte mit dem Titel "Sonnen- und Mondfinsternisse" exakt die Position aus dem Modell als Bild nachgestellt, um eine Sonnenfinsternis zu erklären. Meine persönliche Einschätzung ist, dass die Entstehung der Mondphasen für jüngere Kinder nicht ganz einfach zu erklären ist. Vielleicht sollte man das Thema auf ein späteres Alter verschieben oder speziell Erklärtexte anbieten, die dann von Erwachsenen kindergerecht vermittelt werden können?