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Das Banner der Rhetos-Website: zwei griechische Denker betrachten ein physikalisches Universum um sie herum.

Übersimplifizierung

Beispiel

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Definition


Als Übersimplifizierung [1] bezeichnet man eine so weit vereinfachte Darstellung eines Sachverhalts, dass Dinge schädlich fehlerhaft und folgenreich irreführend werden können. Eine mögliche solche Folge ist der Effekt der intelligent confusion.

Video


Bilder zur Entstehung der Mondphasen wie Neumond, Halbmmond oder Vollmond findet man in vielen Atlanten und Büchern für Kinder und Jugendliche. Dabei werden die tatsächlich nicht ganz so unkomplizierte Wirklichkeit oft so stark vereinfacht, dass wache Köpfe zu falschen Schlüssen oder Verwirrungen neigen.



Ein Tischmodell soll Kindern ab 9 Jahren alter die Entstehung der Mondphasen erklären. Das Modell ist jedoch so weit vereinfacht, dass sich ein folgenreicher Fehler eingeschlichen hat. Kinder die mitdenken, fällt das auf. Die Gefahr droht, dass sie den Fehler bei sich suchen.

Das Tellurium stammt aus einem Wissenschaftsspiel für Kinder ab 9 Jahren. [2] Die Verpackung und die Inhalte wirken professionell. Die Erklärtexte enthalten Fachworte wie Apogäum und Perigäum. Im Begleitmaterial wurde auch ein Professor namentlich als wissenschaftlicher Berater genannt. Eltern und Kinder dürften dazu neigen, solche Lehrmitteln zu vertrauen.

Die Übersimplifizierung


Richtig
Das im Video gezeigte Modell von Sonne, Erde und Mond, ein sogenanntes Tellurium zeigt richtig, dass Neumond dann entsteht, wenn der Mond auf seiner Bahn um die Erde der Sonne am nächsten steht. Und auch richtig gezeigt wird, dass wir einen Vollmond sehen, wenn der Mond seine sonnenfernste Position durchwandert.

Falsch
In dem gezeigten Tellurium haben sich aber zwei Fehler eingeschlichen: wenn der Mond im Modell der Sonne am nächsten steht, müsste er von manchen Punkten der Erde aus gesehen die Sonne ganz verdecken. Das aber würde heißen, dass mit jedem Neumond irgendwo auf der Erde auch eine totale Sonnenfinsternis stattfinden müsste. Das aber ist nicht der Fall. Das ist der erste Fehler. Der zweite Fehler betrifft den Vollmond: die Anleitung zum Modell sagt, dass die der Erde zugewandete Seite des Mondes in seiner sonnenfernsten Position ganz von der Sonne beleuchtet wird. Daher, so die textliche Anleitung für Kinder, würden wir auch die ganze kreisrunde Mondscheibe hell erleuchtete sehen. Im Modell aber kann kein Licht von der Sonne den Mond erreichen. Der Mond liegt im Model gut sichtbar ganz im Schatten der Erde. Statt eines Vollmondes würden Menschen auf der Modellerde im sonnenfernsten Punkt eine totale Mondfinsternis sehen. Der richtige Schluss aus dem Modell wäre: es kann keinen Vollmond geben: jedes Mal wenn der Mond in der dazu geeigneten Position zur Sonne steht, ist die Erde dazwischen und schattet ihn vollständig ab.

Inkonsistenz
Interessanterweise enthielt der Lehrkasten [2] neben dem Tellurium auch reine Erklärkarten, die das Zustandekommen einer Sonnen- und Mondfinsternis erläuterten. Auf diesen Karten waren mit leicht veränderten Größenverhältnissen genau jene Konstellationen der drei Himmelskörper als verantwortlich für eine Finsternis beschrieben, die im Tellurium als Grund für Neu- und Vollmond geschildert wurden. Auch diesen Widerspruch dürften wache Kinder wahrnehmen.

Intelligent confusion als Folge


Unschädlich
Ob man nun die Geometrie rund um die Mondphasen richtig oder nur halbrichtig kennt, dürfte für den praktischen Alltag der meisten Menschen völlig ohne Belang sein. Keine Zahnärztin behandelt deshalb einen Patienten schlechter und kein Busfahrer fängt deshalb an, falsche Wege zu fahren. Man kann aber dann zu Recht auch fragen, wozu eine Kenntnis der Entstehung der Mondphasen dann überhaupt dienlich sein sollte? Bringt es über einen kurzen Unterhaltungswert irgendeinen Nutzen, wenn wir als Menschen wissen, wie die Himmelskörper um uns herum beschaffen sind und wie sie sich bewegen?

Schädlich
Schädlich bis sehr schädlich können Übersimplifizierungen bei Kinden, Jugendlichen oder auch Erwachsenen werden, die mit einem wachen Kopf die Zusammenhänge wirklich verstehen möchten. Kinder spüren oft, wenn Erklärungen falsch oder lückenhaft sind. Sie merken zuerst ein Gefühl der Verwirrung, das sie nicht näher begründen können. Irgendetwas im Unterbewusstsein der Kinder scheint den Fehler bemerkt zu haben. So entsteht ein Gefühl der kognitiven Dissonanz oder der intelligent confusion. Der englische Ausdruck intelligent confusion weist dabei sehr passend darauf hin, dass man ein Mindestmaß an Intelligenz aufwenden muss, um die Unstimmigkeit zu bemerken. Wer Erklärungen nur passiv konsumiert, merkt nichts von den Fehlern und Lücken. Nun ist ein Kind in den Zustand der Verwirrung geraten und sucht nach einer Lösung. Die meisten Kindern vertrauen auf das Lehrmaterial aus der Welt der Erwachsenen und suchen den Fehler in ihrem eigenen Verständnis. Es fehlt ihnen aber oft die Fähigkeit, aus dem ursprünglichen Gefühl der Verwirrung bewusste Aussagen zu machen, mit denen man erfolgreich schlussfolgernd weiter denken könnte. Sie ziehen dann oft den falschen Schluss, dass der Fehler bei ihnen liegt und sie wohl für dieses Thema keine passende Veranlagung haben. So entstehen Unlust und Selbstzweifel. Im schlimmsten Fall trägt so etwas zu einer Abkehr von den Naturwissenschaften, dem swing away from science bei.

Schwierige Lösung


Wie könnte nun ein Kind sich alleine aus dem Zustand der Konfusion befreien? Ein fiktiver innerer Dialog soll zeigen, wie schwierig bis unmöglich es für normal begabte Kinder sein dürfte, das Rätsel zu lösen. Der erste Schritt wäre es, aus dem Gefühl sprachlich denkbare Aussagen zu machen, also eine Explikation:

  • Hm, irgendwas stimmt hier nicht.
  • Irgendwas beim Vollmond passt nicht.
  • Da kommt ja gar kein Licht von der Sonne hin.
  • Der müsste ja ganz dunkel sein.
  • Wie kann dann da Vollmond sein?

Es gibt nun mindestens drei mögliche Denkrichtungen, in denen man eine Lösung suchen kann. Um diese Richtungen einzuschlagen, müssen die Kinder aber die Vorgaben des Modells aktiv verlassen. Kinder die aber daran gewöhnt sind, Vorgaben einzuhalten (Schule!), dürften an dieser Stelle stehen bleiben. Sehr unabhängige Querdenker hätten vielleicht eine Chance weiter zu kommen:

  • Die Sonne ist so sehr viel größer als die Erde, dass der Mond vollständig von den Rändern der Sonne her beschienen werden kann.
  • Der Mond ist so weit von der Erde entfernt, dass er auch Strahlen vom Rand der Sonne erhalten kann und beleuchtet wird.
  • Der Mond wandert auf einer gekippte, schrägen Ebene um die Erde. Im sonnennächsten und sonnenfernsten Punkt ist er je nachdem etwas oberhalb oder etwas unterhalb der direkten Linien zwischen Sonne und Erde. So werden Finsternisse vermieden und der Mond bei Vollmond voll angeleuchtet.

Aus meinen nunmehr über 20 Jahren als Lehrer für Mathematik und Physik schätze ich, dass vielleicht 5 bis 10 % aufmerksamer Schüler die Widersprüche merken und von diesen dann vielleicht höchstens 20 % den Fehler nicht nur bei sich suchen und von diesen wiederum vielleicht 50 % Ideen für eine Lösung haben.

Nach ganz fest kommt ganz locker


Manche Übersimplifizierung mag aus dem Wunsch von Verlagen stammen, Kinder und Eltern mit gängigen Themen die faszinieren hin zum Kaufakt zu ködern. Ist das Geld einmal über die Kassentheke gegangen, hat das Material aus kaufmännischer Sicht seinen Zweck erfüllt. Diese Logik dürfte mindestens für no-Name Artikel funktionieren.

Eine Übersimplifizierung kann aber auch aus dem ehrlichen Wunsch erwachsen, Kindern spannende Aha-Erlebnisse zu bieten und ihnen etwas beizubringen. Wer fände es nicht reizvoll, wirklich zu wissen, warum der Himmel blau ist, was im Inneren eines Schwarzen Loches vor sich geht oder warum man beim Fahrradfahren nicht umkippt.

Im Falle des Telluriums aber war die Vereinfachung so stark, dass der gewünschte Effekt ins Gegenteil verkehrt wurde. Das Material wirkt kontraproduktiv, wie eine Schraube, die man so fest anzieht, dass der Kopf abreisst und die gewünschte Wirkung auf Null zurück geht.

Verbesserungsvorschläge


Mit einem leichten Dreh könnte man aus der Not vielleicht eine Tugend machen: man belässt das Tellurium baulich wie es ist. Aber man fügt eine Erklärung bei, dass genau so ja kein Vollmond enstehen kann und dass genau so mit jedem Neumond auch einer Sonnenfinsternis einher ginge (was nicht der Fall ist). Und man ermutigt Kinder dann, selbst nach einer Lösung zu suchen. Auf der Rückseite der Erklärkarte könnten Lösungstipps stehen. Oder irgendwo steht auch die ganze Lösung. Auf jeden Fall könnte man aus dem Tullurium, so wie es ist, eine interessane Denkaufgabe machen. Und das würde dann keinerlei Gefahr einer Übersimplifizierung mit sich bringen. Im Gegenteil, Kinder könnten so spielerisch an das Modelldenken der modernen Naturwissenschaften heran geführt werden.

Fußnoten


  • [2] Gemeint ist das "Wissenschaftsspiel" mit dem Namen "Das Sonnensystem" von der Firma Clementoni GmbH aus Baden Baden. Das Spiel wurde erstellt unter der wissenschaftlichen Beratung von Prof. Giuliano Menghini. Aus einzelnen Teilen aus Kunststoff und Pappe kann man verschiedene Situationen des Sonnensystems nachstellen. Dabei sind - verständlicherweise - die Größen der Planeten und der Sonne sowie deren Abstände untereinander nicht maßstäblich. Das Modell des Sonnensystems passt handlich und kompakt gut auf eine Tischfläche. Die Erdkugel steht auf einer kleinen Säule, an die man drehbar auch über einen Arm den Mond einstecken kann. Die Säule mit Erde und Mond wieder kann an einem Arm befestigt werden, der um die Sonne läuft. Dabei sind die Bahnenebenen des Mondes um die Erde und der Erde um die Sonnen zueinander parallel. Diese Umsetzung verbunden mit der relativen Kleinheit der Sonne relativ zur Erde und den geringen Abständen der Himmelskörper im Modell ergibt sich, dass der Modellmond in der eigentlichen Vollmond-Position ganz im Schatten der Erde liegt. Wenn nur die Modellsonne Licht spenden würde, wäre der Modell-Vollmond tatsächlich ein unsichtbarer Mond in einer Mondfinsternis. Der Erklärtext auf einer eigenen größeren Erklärkarte geht auf diesen kniffligen Punkt aber nicht ein, sondern erklärt - falsch im Bezug zum Modell: "nach weiteren sieben Tagen erreicht der Mond auf seiner Umlaufbahn um die Erde den der Sonne entgegengesetzten Punkt und die beleuchtete Seite des Mondes ist der Erde zugewandt (Vollmond)". Ein Verbesserungsvorschlag für den Astronomie-Kasten wäre es, dass man die Mondbahn um die Erde gezielt leicht gegenüber der Erdbahn um die Sonne neigen kann, sowie vorschlägt, dass die Sonne im Modell sehr viel größer sein müsste und der Mond sehr viel weiter entfernt. Tatsächlich ist auf einer anderen Erklärkarte mit dem Titel "Sonnen- und Mondfinsternisse" exakt die Position aus dem Modell als Bild nachgestellt, um eine Sonnenfinsternis zu erklären. Meine persönliche Einschätzung ist, dass die Entstehung der Mondphasen für jüngere Kinder nicht ganz einfach zu erklären ist. Vielleicht sollte man das Thema auf ein späteres Alter verschieben oder speziell Erklärtexte anbieten, die dann von Erwachsenen kindergerecht vermittelt werden können?

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