Raketengeschoss
Physik
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Definition
Eine Rakete ist ein Flugkörper der während des Fluges Vortrieb erzeugen kann [1] und alle dazu nötigen Stoffe mit sich führt [2]. Ein Geschoss hingegen ist ein fester Körper, der nach dem Abschuss aus einer Schusswaffe keinen eigenen Antrieb und auch keine eigene Steuerung mehr hat. [3] Technisch schließen sich Raketen und Geschosse damit aus. Die Verbindung der zwei Worte ergibt damit ein Oxymoron. [4] Dennoch ist das Wort auch in der technischen Literatur anzutreffen.
Oberths Raketengeschoss
Hermann Oberth, ein Pionier der Raketentechnik, hatte im Jahr 1929 ein grundlegendes Buch zur Technik von Raketen, speziell von Raketen mit flüssigem Treibstoff veröffentlicht. Im Kapitel 7 mit dem Titel "Das Raketengeschoß" geht er auf die psychologisch-politische Wirkung von Raketen als Waffe ein.
ZITAT:
Hermann Oberth, 1929: "Man hat schon von verschiedenster Seite bei mir angefragt, ob ich eine Rakete für möglich halte, die so 2000 - 3000 kg Blausäure oder sonst ein Giftgas im Kriegsfalle in die feindlichen Städte oder Stellungen zu tragen in der Lage sei." [5]
Hermann Oberth, 1929: "Man hat schon von verschiedenster Seite bei mir angefragt, ob ich eine Rakete für möglich halte, die so 2000 - 3000 kg Blausäure oder sonst ein Giftgas im Kriegsfalle in die feindlichen Städte oder Stellungen zu tragen in der Lage sei." [5]
Der erste Weltkrieg (1914 bis 1918) mit den entsetzlichen Einsätzen von etwa Senfgas an der West- und Ostfront lag noch frisch in Erinnerung. Unter anderem auch Otto Hahn und Lise Meitner hatte sich für einen Einsatz von Giftgas ausgesprochen, um ein schnelleres Ende des Krieges herbeizuführen. Die Waffe als Mittel zum Frieden scheint auch Oberth in seinen Raketengeschossen zu sehen.
ZITAT:
Hermann Oberth, 1929: "Ich persönlich wäre dem Zustandekommen einer solchen Waffe nicht ganz abgeneigt." [5]
Hermann Oberth, 1929: "Ich persönlich wäre dem Zustandekommen einer solchen Waffe nicht ganz abgeneigt." [5]
Nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen ist Oberths Argumentation:
ZITAT:
Hermann Oberth, 1929: "Bei der heutigen Kriegstechnik ist es ja meist so, daß diejenigen, die den Krieg erklären oder die Regierung zur Kriegserklärung veranlassen, selbst weit vom Schuß bleiben". [5]
Hermann Oberth, 1929: "Bei der heutigen Kriegstechnik ist es ja meist so, daß diejenigen, die den Krieg erklären oder die Regierung zur Kriegserklärung veranlassen, selbst weit vom Schuß bleiben". [5]
Tatsächlich war die Bevölkerung in modernen Kriegen oft wenig von direkter Waffengewalt betroffen. Kriege waren meist eine Sache von Armeen, die sich irgendwo zu Schlachten trafen. Die Zivilbevölkerung wurde in Mitleidenschaft gezogen, wo das Schlachtfeld über Siedlungen zog. Aber abgesehen von dem mehr symbolischen Bombenterror deutscher Zeppeline über London und dem Beschuss von Paris mit gigantischen Geschützen [6], konnten sich die Menschen gerade in den Hauptstädten eher sicher fühlen. Das, so Oberth, könnte sich durch Raketen als Waffe zum Besseren ändern.
ZITAT:
Hermann Oberth, 1929: "[…] es würde sicher nicht so leicht zu Kriegen kommen, wenn die Betreffenden wüßten: 'Der erste, den es trifft, bis du selbst.'" [5]
Hermann Oberth, 1929: "[…] es würde sicher nicht so leicht zu Kriegen kommen, wenn die Betreffenden wüßten: 'Der erste, den es trifft, bis du selbst.'" [5]
Tatsächlich kam es nur gut 20 Jahre nach Oberths hoffnungsvollen Worten zu einem Beschuss Londons, Antwerpens und anderer Städte durch deutsche Fernraketen.

Die deutsche "Vergeltungswaffe 2" wurde zum Ende des zweiten Weltkrieges von dem besetzten Frankreich und den Benelux-Staaten aus vor allem auf England abgefeuert. Militärisch blieb sie weitgehend wirkungsvoll. Ihre Wirkung sollte vor allem psychologisch sein.
Nach dem zweiten Weltkrieg sollten es weniger die Raketen alleine sein, die Oberths Idee eines Friedens durch Abschreckung der Verantwortlichen wahr machten. Es war vielmehr die Kombination von quasi unabwehrbaren ballistischen Fernraketen mit Atomsprengköpfen, die zumindest große Kriege zwischen Großmächten verhindert haben könnten. Der Irrwitz der Situation wird auf den Punkt gebracht mit dem Prinzip der MAD (mad = irrsinnig). Ausgeschrieben steht die Abkürzung für 👉 mutually assured destruction
In einem weiterem Punkt sollte Oberth Recht behalten. Die Fernraketen würden nicht vorrangig gegen Soldaten sondern vor allem gegen sensible Einzelpunkte einer Gesellschaft eingesetzt werden.
ZITAT:
Hermann Oberth, 1929: "Der Feind würde lieber Raketen sparen, und sich an die Regierungen und Finanziers des feindlichen Landes selbst halten, ohne welche das betreffende Volk in kurzer Zeit eine führerlose und den Frieden wünschende Masse wäre." [5]
Hermann Oberth, 1929: "Der Feind würde lieber Raketen sparen, und sich an die Regierungen und Finanziers des feindlichen Landes selbst halten, ohne welche das betreffende Volk in kurzer Zeit eine führerlose und den Frieden wünschende Masse wäre." [5]
Interessanterweise ist das nicht eingetreten. Es ist kriegsführenden Mächten niemals wirklich gelungen, den politischen und finanziellen Kopf des Gegners mit Raketen zu beseitigen. Aber der Grundgedanke Oberths zeigte sich unter anderem in der Verteidigungsstrategie der Ukraine gegen den russischen Aggressor in den frühen 2020er Jahren:
ZITAT:
Hermann Oberth, 1929: "Jedenfalls würde der Feind nicht Millionen von Raketen auf die in den Schützengräben weit verteilte und meist noch mit Gasmasken ausgerüstete Armee verschwenden. Ebenso würde er seine Raketen lieber gegen die Munitionsfabriken, Eisenbahnknotenpunkte usw. schicken." [5]
Hermann Oberth, 1929: "Jedenfalls würde der Feind nicht Millionen von Raketen auf die in den Schützengräben weit verteilte und meist noch mit Gasmasken ausgerüstete Armee verschwenden. Ebenso würde er seine Raketen lieber gegen die Munitionsfabriken, Eisenbahnknotenpunkte usw. schicken." [5]
Oberth liefert dann noch weitere Argumente dafür, dass ein Gaskrieg einem Krieg mit "Metallwaffen". Er denkt etwa daran, dass das Gas den Gegner zum Beispiel auch nur betäuben könnte.
Oberth sagte 1929 einen "neuen Weltkrieg" voraus, sah aber Deutschland zusammen mit den USA, Frankreich, England und Skandinavien auf der einen Seite und Rußland, Japan, China und "eventuell Indien" auf der andere Seite.
Sprengsätze in Verbindung mit Raketen hält Oberth für die nähere Zukunft für wenig realistisch. Anders als Giftgas müssten Sprengsätze recht genau ihr Ziel treffen. Doch sei nicht zu erkennen, wie die Steuerungstechnik (Kreiselkompasse) das erreichen könne: "ich werde froh sein, wenn ich auf Schußweiten von 1000 - 2000 km bei Fernraketen eine Treffsicherheit von 10 - 20 km erreichen kann." [5]
Oberth schließt seine Gedanken zum Raketengeschoss damit, dass er selbst wenig zur Entwicklung der nötigen Kreiselkompasse beitragen könne ("weil mir die nötigen Vorkenntnisse fehlen" [5]). Aber ausdrücklich wünscht er sich eine Entwicklung in dieser Richtung. Tatsächlich empfahl noch der berühmte Physiker Richard Feynman lange nach dem zweiten Weltkrieg seinen Studenten das Gebiet der Kreiselkompasse als ein reizvolles Betätigungsfeld. Und es waren dann auch wirklich Kreiselkompasse, die die Steuerung vieler Fluggeräte und Raketen bewerkstelligten.
Fußnoten
- [1] Das Rückstoßprinzip ist wesentlich: "the rocket develops thrust by the rearward ejection of mass at very high velocity." In: Price, Edward W., Biblarz, Oscar. "rocket". Encyclopedia Britannica. Bearbeitungsstand vom 2. Mai 2026. Siehe auch 👉 Rückstoß
- [2] Eine Rakete, englisch "rocket" ist "any of a type of jet-propulsion device carrying either solid or liquid propellants that provide both the fuel and oxidizer required for combustion." Und: "The rocket differs from the turbojet and other “air-breathing” engines in that all of the exhaust jet consists of the gaseous combustion products of “propellants” carried on board." In: Price, Edward W., Biblarz, Oscar. "rocket". Encyclopedia Britannica. Bearbeitungsstand vom 2. Mai 2026. Online: https://www.britannica.com/technology/rocket-jet-propulsion-device-and-vehicle
- [3] Ein Geschoss im Sinne der "Waffentechnik" ist eine "Bezeichnung für einen festen Körper, der aus einer Schusswaffe abgefeuert wird und sich auf einer ballistischen Fugbahn ohne Eigenantrieb oder Steuerung fortbewegt." In: Brockhaus in Achtzehn Bänden. F. A. Brockhaus. Leipzig, Mannheim. 2002. ISBN für alle Achtzehn Bände gemeinsam: 3-7653-9320-7. Dort der Artikel "Geschoss" im Band 5 auf Seite 243.
- [4] Beredtes Schweigen, Plastikglas oder bittersüß: man spricht von einem Oxymoron, wenn sich mehrere Bestandteile eines Wortes oder einer kurzen Wendung von ihrer eigentlichen Wortbedeutung her (bitter und süß) widersprechen. Siehe auch 👉 Oxymora
- [5] Hermann Oberth: Wege zur Raumschiffahrt. Erstveröffentlichung 1929. Nachdruck von 1986: VDI-Verlag Düsseldorf. ISBN: 3-18-400755-3. Dort im Kapitel "7. Das Raketengeschoß". Im Nachdruck die Seite 202.
- [6] Die deutsche Armee hatte Paris aus weit über 100 Kilometer Entfernung wirksam beschossen. Siehe dazu den Artikel zum 👉 Paris-Geschütz