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Flammarions Himmelsfuge (Bild)

Philosophie

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Grundidee


Ein Mensch durchbricht das Himmelsgewölbe und erblickt eine verborgene Realität dahinter: mit diesem Bild illustrierte der französische Astronom und Autor populärwissenschaftlicher Bücher Camille Flammarion (1842 bis 1925) ein Buch über die Atmosphäre der Erde. Das Bild erlangte große Verbreitung im 20. Jahrhundert. Waren vielleicht die von Flammarion entzauberten metaphysischen Andeutungen eines Geheimnisvollen Jenseits genau der Grund für die große Popularität des Bildes?



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Ein naiver mittelalterlicher Missionar sucht das Paradies. Dabei kommt er an eine Stelle, wo Himmel und Erde nicht ordentlich verschweisst sind. Dahinter erblickt er eine andere Welt. Das Bild stammt aus einem populärwissenschaftlichen Buch von Camille Flammarion aus dem Jahr 1888. Der Zeichner selbst ist heute nicht mehr bekannt. Das Bild erlangte im 20. Jahrhundert große Verbreitung. Das Bild hier wurde vom der schwarz-weißen Original nachträglich koloriert. © Unbekannt ☛


Bezug zum Text


Im Jahr 1888 veröffentlichte Flammarion ein populärwissenschaftliches Buch über die Atmosphäre der Erde. Das Bild ist eingebetter in das Kapitel "Der Tag" (Le jour). Flammarion beschreibt darin den Himmel, wie er uns am hellichten Tag erscheint. Was das Auge sieht ist ein Gewölbe (voûte), das jedoch am Zenit in der Mitte oben etwas niedriger erscheint als der Radius zum Rand am Horizont lang ist (surbaissée). Es folgen dann einige antike, mittelalterliche und neuzeitliche Deutungen, etwa als feste Schale oder Grenze des Irdischen. Dort findet man dann folgendes Zitat:


ZITAT:

"Ein naiver Missionar des Mittelalters erzählt sogar, dass er auf einer seiner Reisen auf der Suche nach dem irdischen Paradies den Horizont erreichte, wo Himmel und Erde sich berühren, und dass er einen bestimmten Punkt fand, an dem sie nicht verschweißt waren, wo er mit gebeugten Schultern unter dem Deckel der Himmel hindurchging..." [2]


Doch Flammarion lebte und schrieb nicht mehr im Mittelalter. Und so nimmt er Überlieferungen und Erzählungen nicht sofort für bare Münze. Er fragt weiter:


ZITAT:

"Was gibt es also in diesem blauen Himmel, der gewiss existiert und der uns am Tage die Sterne verhüllt?" [3]


Und antwortet:


ZITAT:

"Nun, dieses schöne Gewölbe existiert nicht. Wir haben bereits gesehen, dass der Weltraum eine grenzenlose Leere ist. Man glaubt den Himmel zu berühren, wie die Frucht des Tantalus, und doch flieht er beständig vor dem Betrachter." [4]


Zur Zeit Flammarions waren schon Aufstiege in Heißluft- und Gasballons bis in viele Kilometer Höhe möglich. Und nirgends fand man einen Himweis auf ein eng begrenztes Himmelsgewölbe mit einer wundersamen Welt dahinter. Flammarion scheint das Bild also zunächst für eine Entzauberung naiver Weltvorstellungen zu nutzen.

Der Wink der Bücher


Ohne nun Flammarions Buch von 1888 über die Meteorologie gelesen zu haben, wage ich aber doch die Vermutung, dass er bei der bloßen Entzauberung nicht stehen bleiben wollte. Flammarion glaubte an die Unsterblichkeit der Seele, war Mitglied in einer Theosophischen Gesellschaft und beschäftigte sich viel mit Parapsychologie. Seine Bücher zeugen von einem Interesse am uns Verborgenem, dem Geheimnis hinter der Welt der Erscheinungen.

  • Camille Flammarion: Die Mehrheit bewohnter Welten. Woldemar Türk, Dresden 1864 (übersetzt von Hugo Schramm)
  • Camille Flammarion: Die Mehrheit bewohnter Welten. Verlagsbuchhandlung J.J. Weber, Leipzig 1865
  • Camille Flammarion: Unbekannte Naturkräfte. J. Hoffmann, Stuttgart 1906 (1. Aufl.), übersetzt von Gustav Meyrink
  • Camille Flammarion: Himmels-Kunde für das Volk. Verlag von Zahn, Neuenburg 1908
  • Camille Flammarion: Rätsel des Seelenlebens. J. Hoffmann, Stuttgart 1909 (1. Aufl.), übersetzt von Gustav Meyrink
  • Camille Flammarion: Gott in der Natur. Hendel, Halle 1920
  • Camille Flammarion: Spaziergänge in der Sternenwelt. G. Westermann, Braunschweig 1922
  • Camille Flammarion: Komet und Erde – Eine astronomische Erzählung. Philipp Reclam, Leipzig 1910
  • Camille Flammarion: Die Mehrheit bewohnter Welten, eine Studie in der die Bedingungen der Bewohnbarkeit der Himmelskörper vom Gesichtspunkte der Astronomie und der Physiologie aus entwickelt und besprochen werden. Dieter von Reeken, Lüneburg 2004, ISBN 3-8334-0882-0.
  • Camille Flammarion: Lumen. Nachdr. der 1900 erschienenen dt. Erstausgabe, Dieter von Reeken, Lüneburg 2007, ISBN 978-3-940679-04-8.

Und so möchte ich vermuten, dass jene Autoren, die Flammarions Bild als Andeutung einer uns verborgenen Welt hinter dem Diesseits deuten möchten, gar nicht so falsch liegen. Vielleicht war es bloß Flammarions Anliegen, allzu einfache Weltbilder zurück zu weisen und die Suche nach der tieferen Wahrheit auf eine höhere Stufe zu heben?

Fußnoten


  • [1] Camille Flammarion: Camille Flammarion: L'atmosphère: météorologie populaire. Hachette (Paris). 1888. Rund 809 Seiten.
  • [2] Camille Flammarion: "Un naïf missionnaire du moyen âge raconte même que, dans un de ses voyages à la recherche du Paradis terrestre, il atteignit l’horizon où le ciel et la Terre se touchent, et qu’il trouva un certain point où ils n’étaient pas soudés, où il passa en pliant les épaules sous le couvercle des cieux..." In: Camille Flammarion: L'atmosphère: météorologie populaire. Hachette (Paris). 1888. Dort die Seite 162.
  • [3] Camille Flammarion: "Qu’y a-t-il, alors, dans ce ciel bleu, qui existe certainement, et qui nous voile les étoiles pendant le jour?" In: Camille Flammarion: L'atmosphère: météorologie populaire. Hachette (Paris). 1888. Dort die Seite 162.
  • [4] Camille Flammarion: "Or, cette belle voûte n’existe pas. Déjà, nous avons vu que l’espace est un vide sans bornes. On croit toucher le ciel, comme le fruit de Tantale, et il fuit toujours devant l’observateur." In: Camille Flammarion: L'atmosphère: météorologie populaire. Hachette (Paris). 1888. Dort die Seite 162.

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