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Das Banner der Rhetos-Website: zwei griechische Denker betrachten ein physikalisches Universum um sie herum.

Abstraktion

Physik

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Definition


Das lateinische Wort Abstrahieren heißt wörtlich übersetzt so viel wie abziehen [1]. Die Abstraktion bezeichnet einen Denkprozess, der von einer Fülle von Merkmalen der Vorstellungsganzen eines oder mehrere Betandteile abgesondert werden [1], und zwar solche die man für nicht wesentlich [1] oder bloß individuell (subjektiv) [3] hält. Die Abstraktion führt oft zur Bildung übergeordneter Begriffe [2]. Das Abstrahieren ist für menschliches Denken eine notwendige Voraussetzung. Unbedacht angewandt, birgt sie aber auch Gefahren.



Bildbeschreibung und Urheberrecht
Um die Flugbahn einer Kunstspringerin zu berechnen genügt es die Lage ihres Schwerpunktes und ihre anfängliche Geschwindigkeit und Flugrichtung zu kennen. Die Springerin selbst kann dann ganz auf einen idealisierten Massenpunkt verdichtet gedacht werden. Ihre inneren psychichen Zustände, ihre Körperform, die Farbe des Badeanzugs etc. spielen für die Flugbahn keine Rolle. Man kann sie aus dem Geschehen wegdenken, abstreifen, abstrahieren. © Gunter Heim/Gemini ☛


Einführung


Begrenzter Geist
Der menschliche Geist ist von seinem Fassungsvermögen her beschränkt. Jedes Photo einer Szene wird uns Details zeigen können, die uns als Beobachter beim Anblick derselben Szene entgangen sind. Die Welt um uns herum ist so reich an Einzelheiten und so schnell in ihren Veränderungen, dass wir als einzelne Menschen diese Wirklichkeit unmöglich 1:1 erfassen können. Möchten wir uns denkend mit der Welt beschäftigen, müssen wir also auf bestimmte Details verzichten, von ihnen absehen, sie abstreifen, das heißt: die Details abstrahieren. Wir verengen unseren Blick auf die Welt sozusagen ähnlich wie ein Reduzierventil einen Volumenstrom verringert. [8] Auf welche Details der Wirklichkeit man dann verzichtet, hängt vom eigenen Interesse ab.

Extremfall Massenpunkt
Betrachtet man den Flug einer Kunstspringerin, so kann man mit sehr vielen verschiedenen Interessen daran gehen. Für die Bewertung als sportliche Leistung interessant ist unter anderem die Körperhaltung. Die Punkterichter bei einem Wettkampf werden auf dieses "Detail" also nicht verzichten wollen. Wer sich aber nur für dafür interessiert, wann nach dem Absprung die Springerin wo auf ihrer Flugbahn ist, braucht sich um die Körperhaltung nicht zu kümmern. Die Körperhaltung kann dann als unwesentliches Detail vernachlässig, das heißt abstrahiert werden. Für die Berechnung der Flugbahn genügt es, wenn man die Springerin als physikalischen Massenpunkt idealisiert. Ihr ganzes Körpergewicht - ihre Masse - wird dann in einem unendlich kleinen mathematischen Punkt vereinigt gedacht. Dieser rein gedankliche Massenpunkt ist dann das Ergebnis einer sehr extremen (und praktisch erfolgreichen) Abstraktion.

Beispiel Brückenproblem


Ein Ziel der Abstraktion ist es, dass man für die momentane Frage unwichtige Dinge weglässt. Bei den drei Bildern unten sieht man, dass von links nach rechts immer mehr Details weggelassen, also abstrahiert wurden:


Dieses Bild ist für das Verständnis des Textes nicht wichtig. Das Bild wird im Text nicht erwähnt.
Im Jahr 1741 stellte ein Mathematiker die Frage, ob es einen Weg über die 7 Brücken der Stadt Königsberg gebe, bei dem man jede Brücke nur genau einmal überqueren muss.

Das Bild ganz rechts besteht nur noch aus sogenannten Knoten und Kanten. Das Bild als ganzes ist dann ein Graph. Mit solchen Graphen lassen sich Schienennetze, Telefonanrufe, Schiffsfahrten und viele weitere Probleme auf ein und dieselbe Weise behandeln. Eine gute Idee eines Eisenbahners kann ausreichend abstrahiert auch von einer Fachperson für Telefonnetzwerke verstanden werden, ohne dass diese irgendeine Ahnung von Eisenbahnen haben muss.

Als Denkprozess


Teil der Induktion


Die meisten Flüssigkeiten dehnen sich aus, wenn man sie bei ansonsten gleichen Umständen erwärmt: als Induktion bezeichnet man einen Denkschritt, der eine Anzahl von Einzelbetrachtungen auf das Gemeinsame hin untersucht und dieses dann sozusagen abstrahiert. Die Abstraktion ist ein Teil der 👉 Induktion (Philosophie)

Begriff als Ergebnis


Wenn man aus vielen individuellen Einzeltieren das ihnen gemeinsame abzieht, so kann man zum Beispiel zum Begriff "Hund" kommen. Das sind dann in etwa alle vierbeinigen Tiere mit Schwanz, Fell und Zähnen, die bellen können etc. Diese gemeinsamen Merkmale zieht man ab von den vielen individuellen Tiere. Besonderheiten einzelner Individuen, wie etwa fehlende Gliedmaße, Stummheit (kann nicht bellen) oder besondere Muster im Fell zieht man nicht hinüber zum allgemeinen Begriff. Das Ergebnis der Abstraktion ist dann der allgemeine 👉 Begriff

Unbewusste Abstraktion


Der Hidden Gorilla
Das Abstrahieren als Gedankenprozess wird oft als eine bewusste denkerische Tätigkeit beschrieben. [1] Doch tatsächlich abstrahieren bereits ganz unbewusste Vorgänge unserer Wahrnehmung sehr stark. Das wohl eindringlichste Beispiel dafür ist das Experiment mit dem sogenannten "Hidden Gorilla" [9]: Man bekommt ein kurzes Video gezeigt. Man sieht zwei Mannschaften. Die Spieler einer Mannschaft haben weiße Kleidung an, die Spielder der anderen Mannschaft schwarze. Man soll beim Zuschauen dann mitzählen, wie oft der Ball in die Hände eines weiß gekleideten Spielers gelangt. Das wuselige Treiben fordert die Konzentration des Betrachters. Viele Zuschauer können diese Aufgabe dennoch recht gut lösen. Aber sie waren dann so mit dem Zählen beschäftigt, dass sie nicht merkten, dass mitten im Film ein großer Gorilla (verkleiderter Mensch) die Szene betritt, sich dort theatralisch auffällig auf die Brust klopft, und dann wieder verschwindet. [10] Offensichtlich wurden die für die momentane Aufgabe des Zählens unwichtigen Aspekte bereits von uns ganz unbewussten Vorgängen im Gehirn abstrahiert, also vernachlässigt. In der Psychologie bezeichnet man diesen Effekt auch als 👉 selektive Wahrnehmung

Abstraktion und das Makroskop


Geht man nachts durch die Straßen einer erleuchteten Stadt wird man kaum auf die Idee kommen, dass das Muster des Lichtermeers ähnliche Formen hat wie ein Neuron in einem Gehirn. Erst wenn man dazu unwesentliche Details (Häuser, Bäume etc.) entfernt und das Wesentliche in einem größeren Zusammenhang sieht (etwa aus dem Weltraum), erkennt man auch die größeren Muster. Gedankliche Methoden zum Erkennen größerer Zusammenhänge bezeichnete der französische Biologe Joel de Rosnay (geboren 1937) als 👉 Makroskop

Nutzen und Nachteile


Gebot der Objektivität


Heiß ist nicht objektiv.
Eines der höchsten Gebote der modernen Wissenschaften ist die Objektivität. In einer schwachen und zulässigen Deutung wird damit gefordert, dass man "subjektive Eindrücke" von "objektiven Fakten" trennt. Man soll sich dann auf Sinneseindrücke beschränken, die von anderen Personen kontrolliert werden können. So fasst es der Physiker Max Born. [11] Denken wir uns ein Beispiel: jemand fasst das Netzteil eines Computers an und empfindet dieses als "sehr heiß". Das ist zunächst ein subjektiver Eindruck. Ein erfahrener Computerbastler würde vielleicht beim ersten Anfassen spürgen, dass das Netzteil sehr viel wärmer ist als üblich und würde das heiß nennen. Heiß hieße dann so viel wie "viel wärmer als üblich". Eine andere Person aber könnte mit heiß die Idee verbinden, dass man das Teil vor Hitze gar nicht mehr anfassen kann. Beide Deutungen können berechtigt sind, sind aber nicht objektiv wiedergegeben. Objektiv wäre eine Aussage wie: "die Oberfläche des Netzteils zeigte bei der Messung mit einem berühungslosen Thermometer eine Temperatur von 64 °C an." Man abstrahiert hier also seine eigene persönliche Empfindung was man gerade als heiß oder nicht heiß empfindet. Am Ende der Abstraktion bleibt einer bloßer Zahlenwert. Diese Form der Abstraktion schafft Klarheit und macht Wissenschaft als Gemeinschaftsunternehmen vieler Menschen überhaupt erst möglich. Die Subjektivität hier auszuschalten ist nötig und zulässig.

Grenzen der Objektivität
Frawürdig wird das Gebot der Objektivität wenn es auf Wertungen ausgedehnte wird. Man kann zum Beispiel objektiv die Mengen an Gummi und anderen Stoffen aus Autoreifen als Feinstbau in der Luft messen und beschreiben. De facto atmen wir an vielen Orten zerriebene Autoreifen ein. Ein Gericht in London hatte im Jahr in einem Urteil den Tod eines 9 Jahre alten Mädchens mit ähnlichen Umweltbelastungen ursächlich in Verbindung gebracht. Bis hierhin kann man Objektivität zu Recht einfordern. Aber objektivität wird unmöglich, wenn es um Wertsetzungen geht. Ist der Wert des Lebens eines 9 Jahre alten asthmakranken Kindes höher zu bewerten als die Forderung zehnertausender von Autofahrern, selbstbestimmt zu entscheiden, mit welchem Auto sie wo entlang fahren?


Gunter Heim, Autor dieser AnmerkungANMERKUNG:

Im Bekannten- und Verwandtenkreis habe ich öfters Diskussionen über den Klimawandel erlebt. Ich war beeindruckt, wie viele Personen tatsächlich ganz ausdrücklich und klar sagen, dass ihnen ihr eigener Lebensstil - häufige Urlaube mit dem Flugzeug und Kreuzfahrtschiff, Besitz mehrerer Autos, tägliche Pendelstrecken von 30 Kilometern und mehr, unbegrenztes Fleisch essen etc. - wichtiger ist als das Überleben von Kindern "irgendwo in der Dritten Welt". Es gibt kein logisch zwingendes und objektives Argument, dass das Recht von vielliecht 20 Millionen Bundesbürgern auf eine Kreuzfahrt mehr wert ist als das Recht eines Kindes aus dem Küstenschwemmland in Bengladesh auf eine sichere Heimat.


Die Beispiele sollten zeigen, dass Werte wie Menschlichkeit, Rücksicht, Liebe, Heimat, Solidarität; das Recht auf Gesundheit, Teilhabe, Bildung und so weiter nicht objektiv gültig sind. Sie müssen vielleicht erst von uns Menschen in die Welt gebracht werden. Wenn man dann aber eine objektive Wissenschaft fordert, dann muss man damit auch gleichzeitig Wertsetzungen außen vor lassen. Und damit aber schütten wir das Kind mit dem Bade aus. Denn abstrahieren wir alles nicht-Objektive, streifen wir es also ab, dann bleibt am Ende nur ein Universum totes, mechanisches Universum übrig, das wenig mit unseren Lebensregungen zu tun hat. Diese Zweischneidigkeit der Abstraktion, des Ausschaltens vom Subjekt aus der Wissenschaft, hatte unter anderem der berühmte Physiker Max Planck bemerkt.


ZITAT:

Max Planck, 1908: "Bedenkt man […] daß doch die Empfindungen anerkanntermaßen den Ausgangspunkt aller physikalischen Forschung bilden, so muß diese bewußte Abkehr von den Grundvoraussetzungen immerhin erstaunlich, ja paradox erscheinen. Und dennoch liegt kaum eine Tatsache in der Geschichte der Physik so klar zutage wie diese. Fürwahr, es müssen unschätzbare Vorteile sein, welche einer solchen prinzipiellen Selbsttäuschung wert sind!"


Das Ausschalten des Subjekts im Zuge der Abstraktion hin zur Objektiviätät ist also Planck zufolge eine "Selbsttäuschung". Aber diese Selsbsttäuschung bringt auch "unschätzbare Vorteil" mit sich. Es ist, so meine Meinung, zulässig, die Selbsttäuschung als Methode durchzuführen. Anders könnten wir keine Wissenschaft treiben. Man darf aber dabei niemals vergessen, dass diese Form der Abstraktion immer nur einen Teil der ganzen Wirklichkeit erfasst. Und möglicherweise hat man im Zuge der Abstraktion die wirklich wichtigen und interessanten Aspekte weg-abstrahiert. Die konsequente Anerkennung dieses Umstandes führt von einem (naiven) Objektivismus hin zu einem selbstkritischen 👉 Subjektivismus

Gefahr der Entmenschlichung


Würdigung der Abstraktion
Wir haben gesehen, dass die Abstraktion an sich ein denknotwendiger Prozess ist. Zum einen müssen wir von vielen Details absehen, um für uns ausreichend kleine Teile herauszuschneiden, die wir mental von der Menge her überhaupt schlucken können. Und zum anderen beschränken wir uns mit der Abstraktion hin zu einer Objektivierung auf Aspekte, über die wir uns eindeutig mit anderen Menschen austauschen können. Und wir haben auch gesehen, dass schon unbewusste Denkprozesse eine Abstraktion durchführen, ohne dass wir etwas davon merken. Das Abstrahieren ist uns vielleicht schon in die Wiege gelegt, sprich angeboren. Und als antrainierte Denkkultur in einem technisch-wissenschfatlichen war sie wahrscheinlich auch ein Treiber einer über Jahrhunderte anddauernden westlichen Kulturdominanz. Doch wir haben auch gesehen, dass die Abstraktion bei Werten möglicherweise wichtige und unverzichtbare Aspekte des Lebens vernachlässigt. Und dies Vernachlässigung kann als gerichtete Ausblendung hässlich werden.

Im Supermarkt


Butter bitte bodennah
Es ist eine goldene Regel im Supermarkt, dass die Butter im Regal ganz unten liegt. Wer Butter kaufen will, muss sich also bücken. Das Kalkül, die Berechnung dahinter ist ganz einfach. Sie beruht auf zwei Erfahrungstatsachen: a) Butter gehört zu den Sachen die ohnehin immer gekauft werden, die Verkaufszahlen lassen sich nicht mehr wesentlich steigern. Und b) Dinge die in Augenhöhe platziert werden, werden öfters gekauft. Die Kunden im Supermarkt werden also die nötige Menge Butter kaufen, egal wo die Butter liegt. Aber einen teuren Edelkäse werden sie vielleicht nicht automatisch kaufen. Sie kaufen ihn aber deutlich öfters, wenn er auf Augenhöhe liegt, als wenn er anstelle der Butter nah am Boden ganz unten läge. Aus Sicht des Supermarkts ist diese Praxis also naheliegend, möchte der Supermarkt im harten Wettbewerb um Umsatzzahlen bestehen. Dafür nimmt man dann auch in Kauf, dass sich alte oder sonstwie gebrechliche Personen bücken müssen, um an das Notwendige für ihren Alltag heran zu kommen. [13] Die Marketing-Fachleute streifen von ihrem Menschenbild alles ab, was nicht für ihr Ziel der Steigerung von Profit wichtig ist. [14] Ob Oma oder Opa sich mühevoll bücken müssen, kann abstrahiert werden, wenn Oma und Opa deshalb nicht weniger Butter kaufen, aber im Idealfall mehr Edelkäse.

Im Internet


Man kann das Beispiel mit der Butter noch für putzig und harmlos halten. Nicht mehr ganz so harmlos ist es, wenn die Macher von Internseiten alles aus ihrem Menschenbild entfernen, was nicht der Steigerung der Clicks, dem Engagement auf einer Seite oder der höheren Conversion rate (hin zum Kaufakt) dient. Man lässt Algorithmen herausfinden, wie Menschen möglichst lange auf einer Seite bleiben oder möglichst viel im Internet kaufen. Ein Buch für Webdesigner wird beworben mit den folgenden Worten.


ZITAT:

"Social Media Engagement For Dummies“ hilft Ihnen dabei, mit Followern in Kontakt zu treten, sie zu Kunden zu machen, sie zu Fürsprechern Ihres Unternehmens zu entwickeln und Ihren Gewinn zu steigern!" [16]


Dollar im Kopf
So und so ähnlich werden eine ganze Reihe von Ratgebern für die Macher von Webseiten, speziell online-Shops und soziale Medien beworben. In einem Fall war einem online Webinar dazu ein Bild von zwei stilisierten Personen beigestellt. Die linke Person hatte ein Dollarzeichen im Kopf, die andere Person griff mit der Hand danach. Nichts an der Aufmachung legte es nahe, dass das eine Ironie sein sollte. Es ist bildlich-wörtlich zu nehmen: Menschen sind Gehäuse mit Geld in ihrem Inneren. Greife nach dem Geld. Und ingoniere, das heißt abstrahiere dabei alles, was nicht diesem Zweck dient. die letzte Aussage wird nicht explizit gemacht aber durch das Unerwähnte implizit nahegelegt. Während es Oma und Opa vielleicht sogar ganz gut tut, wenn sie sich im Supermarkt noch mal bücken müssen, kann man das etwa bei Jugendlichen und Kindern im Internet anzweifeln. Ob es Kindern und Jugendlichen gut geht, wenn sie täglich drei bis vier Stunden in sozialen Medien [17] verbringen (dazu zählt nicht die Zeit für Computerspiele, die noch dazu kommt), kann man offen diskutieren. Wesentlich für die Idee der Abstraktion ist, dass die Macher vieler Internetseiten diese Frage aber gar nicht stellen. Sie konzentrieren sich nur darauf, möglichst viel Geld aus den Nutzern zu ziehen.

Ist das noch moralisch?
Nun kann fragen, ob es nicht verwerflich ist, dass Webdesigner und andere Internet-Strategien, sich ganz darauf konzentrieren dürfen, Kinder und Jugendliche zu "customern" zu machen. Sollten sich die Macher von Internetangeboten nicht auch um das Wohl der Nutzer kümmern müssen? Zumindest rechtlich müssen sie das nicht. Es genübt, wenn sie sich an Recht und Gesetz halten, also keine (nachweisbaren) Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten begehen. Und wer sich als Anbieter nicht nur rechtlich sondern vielleicht auch moralisch absichern will, kann auf die "unsichtbare Hand" von Adam Smith verweisen. [18] Adam Smith zufolge kann der maximal mögliche gesellschaftliche Nutzen (public interest) gerade dann entstehen, wenn sich jeder einzelne nur um seinen Profit (gain) kümmert. [18]

Arbeitsteilung
Es scheint also so etwas wie eine gesellschaftliche Arbeitsteilung zu geben. Der Gesetzgeber, vielleicht unterstützt von Kirchen, Lobbygruppen und nicht-Regierungsorganisationen, ersinnt die bestmöglichen Regeln, um das Gemeinwohl optimal zu fördern. Jeder einzelne Akteur im Wirtschaftsgeschen darf sich dann lokal auf die Einhaltung dieser Regeln beschränken: was erlaubt ist, muss OK sein. Die Nutzer im Internet ganz unter dem Aspekt zu betrachten, wie man an ihr Geld oder ihre Daten (die man vermarkten kann) kommt, ist in diesem Arrangement also nicht verwerflich sondern Teil der abgesicherten Logik unserer arbeitsteiligen Marktwirtschaft.

Im Schlachthof


Tier als Zeug
Bis in die 1980er Jahre waren Ausdrücke wie "Viehzeug" und "ein Stück Vieh" für Tiere gang und gäbe. Dabei ging es aber stets um Nutztiere, selten, und dann auch nur gezielt abwertend, um Haustiere. Indem man rein rhetorisch Lebewesen mit Attributen des Unbelebten verbindet (Stück, Zeug) streift man einen Teil ihrer Lebendigkeit damit auch von ihnen ab. Das gleiche Pferd, das als Reittier für die Tochter aus begütertem Haus im Reitstall gehätschelt und umsorgt wird, würde als ein Stück Vieh auf dem Weg zum Abdecker wahrscheinlich wenige Emotionen bei den beteiligten LKW-Fahrern und Schlachthofmitarbeitern oder gar den Verwaltern und Mangern dieser Betriebe auslösen. Ausreichend stark abstrahiert werden die wahrscheinlich doch sehr empfindsamen Wesen zu Zahlen und Ziffernfolgen, zu Barcodes und letztendlich zu einer "produzierten Menge Fleisch". Die Industrie rund um das Aufziehen, Töten und Vermarkten von Tieren zeigt an vielen Stellen, wie die passend gewählten Worte von alle geschäftsschädigenden Bedeutungsinhalten befreit worden sind.

Im KZ


Die Steigerung "Supermarkt - Internet - Schlachthof - KZ" mag übertrieben erscheinen. Ihr zugrunde liegt die Lektüre von Büchern wie "Vordenker der Vernichtung" [19], "Soldaten" [20], "Die restlose Erfassung" [21] oder "Hitlers Volkstaat" [22], aber auch der Klassiker der Soziologie "Die Dialektik der Aufklärung". Zusammen genommen zeichnen diese Bücher ein Bild, in dem der Mensch zu einem Ding, einem Objekt gemacht werden kann. Und mit Objekten kann man verfahren wie mit toten Dingern. Und das ist dann auch passiert. Ein erster Schritt hin zu unmenschlichen Taten ist es, seinen zukünftigen Opfern die Menschlichkeit abzusprechen oder sich gegen sie immun zu machen. Man könnte hier von einer emotionalen Abstraktion sprechen. Regungen wie Mitleid wurden von bestimmten Menschengruppen abgezogen.

Mensch als Nummer
Die Wärter, Sekretärinnen, Ärzte, ja selbst Kommandanten der Konzentrationlager zeichneten sich später oft als bloße Rädchen in einem großen Getriebe. Ein Mechanismus, mögliche Reflexe von Mitleid und Solidarität zu unterbinden war dabei ganz sicherlich, die Gruppe der Opfer zuvor zu de-humanisieren. [24] Die Propaganda Deutschlands von 1933 bis 1945 etwa stellte Juden überwiegend als insektenartige Wesen dar. Selten oder nie wurden sie in realistischen und menschlich anrührenden Szenen gezeigt. Das charakteristisch warm-menschliche wurde sozusagen von ihnen abgezogen, also abstrahiert. Und ganz sicherlich trägt zu einer Dehumanisierung auch bei, dass man den Opfern keine Namen sondern Nummern gab.

In ihrem Klassiker der Dialaktik der Aufklärung haben die Soziologen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno einen Bogen geschlagen vom Drang hin zum objektiven Denken in der Zeit der Aufklärung hin zu den Greueln der Moderne:


ZITAT:

Horkheimer, Adorno, 1947: "Die Aufklärung hat die Mythen entzaubert und die Natur entgöttert; aber sie hat die Natur auch entmenschlicht und die Menschen zu bloßen Funktionen der Natur gemacht. Die Herrschaft über die Natur, die den Zweck der Herrschaft über die Menschen einschließt, wird zum Selbstzweck. […] Die Menschen, die sich der Natur unterwerfen, werden selbst zu Natur, zu bloßen Objekten der Herrschaft." [25, Seite 27-28]


Sowie


ZITAT:

Horkheimer, Adorno, 1947: "Die technische Rationalität heute ist die Rationalität der Herrschaft selbst. Sie ist das Wesen der Knechtschaft. […] Die Fabriken sind die realisierten Utopien von Bacon, die experimentellen Laboratorien der ‚Neuen Atlantis‘. Wie dort die Natur durch die Organisation der Kooperation der Menschen bezwungen wird, so wird in den Konzentrationslagern die Natur der Menschen selbst zum bloßen Material der Verwaltung." , [25, Seite 14]


Persönliche Einschätzung


 Portrait von Gunter Heim Das Abstrahieren scheint eine wesentliche Voraussetzung dafür zu sein, dass wir in der Welt, oder im ständigen Strom unserer Bewusstseinszustände, überhaupt irgendwelche stabilen Muster erkennen können. Ob wir damit auch alle wichtigen Dinge der Welt erfassen, muss als Frage unbeantwortet bleiben. Dieser Gedanke ist beunruhigend.

Fußnoten


Herausgegeben von Rolf Tiedemann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1981 (Erstausgabe 1947). ISBN 3-518-57563-6.

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