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Kosmotheismus

Philosophie

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Basiswissen


Als Kosmotheismus bezeichnet man die Position, dass der Kosmos Ausdruck einer Daseinsform Gottes ist. Dabei bleibt offen, ob Gott noch weitere Ausdrucksformen hat. Im Kosmotheismus ist das Weltall eine Ausdrucksform des göttlichen Sein. Sehr klar findet man diese Position in einer längeren Textstück des amerikanischen Poeten Edgar Allen Poe.

Poes Kosmotheismus


Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) war ein US-amerikanischer Dichter und Naturphilosoph. In mehreren Essays beschrieb Poe sein Gefühl, dass die gesamte Welt um uns herum Ausdruck einer höheren Lebensform sein könnte. Man findet entsprechende Anwandlungen etwa in der Domain of Arnhem, Landor's Cottage, Island of the Fay und vor allem in seinem langen Spätwerk Eureka, welches erst kurz vor seinem frühen Tod veröffentlicht wurde.

In Eureka beschrieb Poe seine naturphilosophische Deutung der gesamten Welt, des Kosmos an sich. Seinem umfassenden Anspruch entsprechend widmete er das Werk Alexander von Humboldt, der ebenfalls nach einer allumfassenden Weltsicht strebte. Das Buch ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Poe breitete darin eine atomistische Weltvorstellung aus, die sowohl mit dem Gedanken einer Schöpfung ähnlich einem Urknall wie auch mit der (von ihm aber verworfenen) Möglichkeit einer ewigen Expansion spielte. Ganz ohne Rückgriff auf erkennbare mathematische Herleitungen und so gut wie ohne jeden erkennbaren Rückgriff auf so fundamentale Konzepte wie die Erhaltung des Impulses oder des Drehimpulses, verteidigte Poe mit viel Selbstsicherheit eine physikalische Theorie der Entstehung des Kosmos und unseres Sonnensystems. In der Art der Argumentation erinnert Poes Stil sehr an Immanuel Kants Darlegung seiner Nebularhypothese. [3] Poe erwähnt häufig die Newtonsche Physik und auch die Nebularhypothese nach Pierre Simon Laplace (1796).


ZITAT:

"I design to speak of the Physical, Metaphysical and Mathematical—of the Material and Spiritual Universe:—of its Essence, its Origin, its Creation, its Present Condition and its Destiny. I shall be so rash, moreover, as to challenge the conclusions, and thus, in effect, to question the sagacity, of many of the greatest and most justly reverenced of men."


Poe zweifelte also an der Weisheit der größten und zurecht am höchsten gewürdigten Menschen. Nun ist es vielleicht kein Mangel an Kenntnis, wenn Laplace oder Kant etwas vorsichtiger im Umfang ihrer Erklärungsansprüche waren. Vielleicht trauten sie sich entsprechende Aussagen nicht wirklich zu. Wie dem auch sei. In Poes Eureka findet man eine wunderbar klare Beschreibung einer komostheistischen Weltsicht. Diese möchte ich hier im englischen Original zitieren.


ZITAT:

There was an epoch in the Night of Time, when a still-existent Being existed—one of an absolutely infinite number of similar Beings that people the absolutely infinite domains of the absolutely infinite space. It was not and is not in the power of this Being—any more than it is in your own—to extend, by actual increase, the joy of his Existence; but just as it is in your power to expand or to concentrate your pleasures (the absolute amount of happiness remaining always the same) so did and does a similar capability appertain to this Divine Being, who thus passes his Eternity in perpetual variation of Concentrated Self and almost Infinite Self-Diffusion. What you call The Universe is but his present expansive existence. He now feels his life through an infinity of imperfect pleasures—the partial and pain-intertangled pleasures of those inconceivably numerous things which you designate as his creatures, but which are really but infinite individualizations of Himself. All these creatures—all—those which you term animate, as well as those to whom you deny life for no better reason than that you do not behold it in operation—all these creatures have, in a greater or less degree, a capacity for pleasure and for pain:—but the general sum of their sensations is precisely that amount of Happiness which appertains by right to the Divine Being when concentrated within Himself. These creatures are all, too, more or less conscious Intelligences; conscious, first, of a proper identity; conscious, secondly and by faint indeterminate glimpses, of an identity with the Divine Being of whom we speak—of an identity with God. Of the two classes of consciousness, fancy that the former will grow weaker, the latter stronger, during the long succession of ages which must elapse before these myriads of individual Intelligences become blended—when the bright stars become blended—into One. Think that the sense of individual identity will be gradually merged in the general consciousness—that Man, for example, ceasing imperceptibly to feel himself Man, will at length attain that awfully triumphant epoch when he shall recognize his existence as that of Jehovah. In the meantime bear in mind that all is Life—Life—Life within Life—the less within the greater, and all within the Spirit Divine." [2]


Wesentlich für die Charakterisierung von Poes Sicht als kosmotheistisch ist der folgende eine Satz: The Universe is but his present expansive existence. Für Poe ist unser ausgedehntes Universum nichts als die gegenwärtige Existenz Gottes.

Fußnoten


  • [1] 1908: "Pantheïsmus (griech., von pan, das All, und theos, Gott) heißt im weitern Sinn im Gegensatz zu der dualistischen (theologischen) Weltansicht, die Gott und Weltall (Schöpfer und Schöpfung) als verschieden betrachtet, die monistische Weltansicht, die beide als eins ansieht. Im engern Sinne wird nur derjenige Monismus als P. bezeichnet, der Gott mit dem All, dagegen als Kosmotheismus derjenige, der das All mit Gott identifiziert. Nach ersterer Ansicht geht also Gott im Weltall auf, nach letzterer ist dies nur eine Erscheinungsform des göttlichen Seins, neben der es vielleicht noch andre gibt." In: Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 15. Leipzig 1908, S. 366-367. Online: http://www.zeno.org/nid/20007209878
  • [3] Immanuel Kant hatte bereits 1755 eine Theorie zu Entstehung unseres Sonnensystems aufgestellt, die in äußeren Zügen verblüffend nahe an den Vorstellungen des 21. Jahrhunderts ist. Doch wie auch Poe schien auch Kant ohne tiefere Kenntnis der damals schon vorhandenen mathematischen und physikalischen Prinzipien argumentiert zu haben. Insbesondere fehlt bei beiden jeder Hinweis auf eine Erhaltung des Impulses oder des Drehimpulses. Siehe mehr unter 👉 Nebularhypothese (Immanuel Kant)
  • [4] Pierre Simon Laplace: Exposition du système du monde. 1796. Deutsch: Darstellung des Weltsystems. Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften and Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften. ISBN: 9783817133017. Verlag Harri Deutsch, 2008. 1. Auflage.

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